Yadegar Asisi inszeniert Rundpanorama vom kriegszerstörten Dresden
Tragik und Hoffnung

Das neue 360-Grad-Panorama "Dresden 1945 - Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt" flackert bei der Präsentation im Asisi-Panometer in Dresden hellrot erleuchtet. Das Panorama zeigt mit über 30 Metern Höhe und 100 Metern Umfang die Stadt Dresden nach den Bombenangriffen im Februar 1945. Bild: dpa
 
Von der 15 Meter hohen Besucherplattform wird dem Betrachter wie vor 70 Jahren der Blick vom Rathausturm auf das Ausmaß der Zerstörungen gezeigt Bild: © asisi⁄Tom Schulze

Dresden ist im Februar 1945 zerstört worden. Schätzungsweise 25 000 Menschen starben. Ein Riesenvlies im Panometer Dresden visualisiert jetzt das Grauen der Bombenangriffe. Das Panorama zeigt eine Stadt im Augenblick ihres Tiefpunktes.

Rauchwolken liegen über der Stadt, Dächer glühen vom Feuersturm, zwei Hakenkreuzfahnen wehen an der zerstörten Fassade. Fast trotzig ragt umgeben von Trümmern der Turm der Dresdner Kreuzkirche hervor. Der Raumkünstler Yadegar Asisi hat Dresden nach den Bombenangriffen 1945 inszeniert. Von Samstag an bis Ende Mai ist das 360-Grad-Panorama im Gasometer der Elbestadt zu sehen.

Aus 15 Metern Höhe nimmt der Betrachter die Perspektive vom Rathausturm wahr. Während einer 15-minütigen Bild-Ton-Licht-Inszenierung kommt ein ungutes Gefühl auf. "Ich will berühren", sagt Asisi. Mit dem Panorama "entsteht eine Beklommenheit, die ich will" - ein "Augenblick der Ohnmacht". Das Bild sei ein künstlerisches Mittel, den Krieg emotional zuzulassen.

Dass er damit einen vielzitierten "Opfermythos" von Dresden bestärkt, denkt er nicht. "Es gibt Opfer, keinen Mythos", sagt er. Und das Thema sei aktuell. Es sei nicht so, dass Kriege fernab von uns stattfinden. Die Zerstörung sei auch kein für Dresden spezifisches Thema, sondern europäische Geschichte.

Das fast 30 Meter hohe und 750 Kilo schwere bedruckte Polyester-Vlies nimmt eine Fläche von rund 3 000 Quadratmetern ein. 4 000 Meter Garn wurden vernäht. "Es ist ein Bild für die Demokratie und gegen den Krieg", sagt Asisi über sein neues Panorama-Kunstwerk. Das Rundbild sei eine plakative Inszenierung, auf die man sich einlassen muss. Er wolle die "Gewalt des Augenblicks" zeigen. In diesem Jahr jährt sich die Zerstörung Dresdens zum 70. Mal.

Das Panorama greife emotional. "Ich bewege im Herzen, nicht mit dem Kopf", sagt der Künstler. Man könne quasi die Grausamkeit des Krieges spüren - bei einer "eigentümlichen Poesie der Zerstörung", die es auch gebe.

Die Idee für sein neuestes Werk hat Asisi nach eigenen Worten seit zehn Jahren im Kopf. Ein Jahr lang habe er in den Archiven nach Fotos und anderen Dokumenten gesucht, erzählt der Künstler. Auch etwa 70 Privatpersonen stellten ihm Material zur Verfügung.

Sein Kriegs-Panorama sei eine Mischung aus allen, was er zu greifen bekam, sagt Asisi. Den Zeitpunkt der Dresdner Momentaufnahme datiert er auf den 15. Februar, etwa zwei Stunden nach dem Einsturz der Frauenkirche. Die Kuppel des Barockbaus hielt zwei Tage nach dem ersten Angriff auf die Stadt der enormen Hitze nicht mehr stand und krachte in sich zusammen. Die Ruine blieb in der DDR-Zeit als Mahnmal stehen. Erst nach 1990 begann der Wiederaufbau, 2005 wurde die neu erstandene Kirche eingeweiht.

"Parabolisches Werk"

"Es scheint, dass Kriege immer wieder ein letztes Instrument sind, um Probleme zu lösen", sagt der Künstler. Und der Krieg betrifft nicht nur die anderen. Mit Blick auf die aktuellen Demonstrationen der islamkritischen "Pegida"-Bewegung sagt er: "Auch Menschen bei Pegida müssen wissen, dass es zu so etwas führen kann."



Geschichte sei zu wichtig, als dass man sie den Historikern überlassen könne, sagt der wissenschaftliche Leiter des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden, Gorch Pieken. Das Museum hat Asisi bei seinem Vorhaben unterstützt. Der Künstler habe ein "parabolisches Werk geschaffen, exemplarisch für die Gewaltgeschichte der Menschheit", so Pieken. Für die zeitgeschichtliche Debatte sei das Panorama von enormer Bedeutung, betont Dresdens Zweiter Bürgermeister, Detlef Sittel (CDU). Bei den Bombenangriffen der Alliierten auf Dresden zwischen dem 13. und 15. Februar kamen schätzungsweise 25 000 Menschen ums Leben. Nahezu die gesamte Dresdner Innenstadt wurde zerstört. "Die Menschen der Stadt waren bei den Angriffen im Fokus, waren im Fadenkreuz der Bomber", sagt Pieken. Das Panorama-Projekt wolle auch den Menschen in den Mittelpunkt rücken.

Begleitend zu dem Rundbild wird auch die Wechselwirkung im komplexen Verlauf der Geschichte in Europa und der Welt thematisiert. Zugleich hinterfragt das Projekt im Dresdner Panometer stadtplanerische Konzepte der Gegenwart.

Das Panorama-Projekt mit Ausstellung steht unter dem Motto "Tragik und Hoffnung einer europäischen Stadt". Auch in den nächsten fünf Jahren soll es jeweils in den Wintermonaten rund um den Gedenktag der Zerstörung Dresdens am 13. Februar zu sehen sein.
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