Yardbirds bis Blind Faith

Er ist einer der letzten Gitarrenhelden: Eric Clapton hat die Blues- und Rockmusik revolutioniert, Songs wie "Layla" und "Wonderful Tonight" wurden Klassiker. Mit 70 scheint er nun bereit, die Tradition des Blues an Jüngere weiter zu geben.

Als ich Eric Clapton vor wenigen Jahren zum Interview traf, hatte ich einen grüblerischen, introvertierten Melancholiker erwartet. Schließlich ist E. C.'s musikalische Heimat seit seinen ersten Tagen der Blues - und auch in seinem Leben musste der am 30. März 1945 in der englischen Grafschaft Surrey geborene Ausnahmegitarrist dermaßen unglaublich viele Rückschläge hinnehmen, dass über die musikalische Ausrichtung hinaus in seiner Existenz ein ewiger, trauriger Blues stecken müsse, fürchtete ich: Langjährige Alkohol- und Heroinsucht, kleiner Sohn tödlich verunglückt, nicht wenige Frauen davongelaufen.

Doch weit gefehlt - "Mr. Slowhand", der in den 70ern schon mal schlicht und ergreifend "God" genannt wurde (was von der Wirklichkeit gar nicht mal so weit entfernt war...), schien die Zufriedenheit in Person. Er grinste viel, lachte noch mehr und wirkte dermaßen ausgeglichen, dass man sich nachdenklich am Kopf kratzte und rätselte: Woher bezieht dieser außerordentliche Mensch, der am Montag, 30. März, seinen 70. Geburtstag begehen wird, nur die Inspiration für diesen Riesen-Packen an oftmals tragischen Liedern?

70, das erscheint wie das Alter eines Methusalems für eine Rock-Ikone mit einer bewegten Karriere und Vita wie der von Clapton. Er brach 17-jährig sein Kunststudium an der Londoner "Kingston University" ab, um sich fortan ganz dem Dasein als Profi-Musiker zu widmen. Die erste Station für diese Karriere schaffte es nicht in die Annalen der Musik-Historie, es war eine R & B-Combo namens The Roosters, der sich Clapton im Januar 1963 anschloss.

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Doch bereits die nächste Haltestelle, für E. C. zwischen August 1963 - April 1965 sein kreatives Zuhause, war von großer Bedeutung für seine Biografie: The Yardbirds. Danach hatte das scheue, junge Gitarren-Genie ein kurzes Gastspiel bei John Mayall und dessen Bluesbreakers, ehe er Mitte 1966 mit Bassist Jack Bruce und Schlagzeuger Ginger Baker die erste Super-Group der Rockmusik ins Leben rief - Cream. In nur wenigen Jahren verkaufte das Trio 35 Millionen Tonträger. 1969 die nächste Super-Group, unter anderem mit Steve Winwood: Blind Faith, die jedoch nur ein Album lang durchhielt. Gleich darauf Derek & The Dominos mit dem Hit "Layla".

Fortan probierte E. C. sich unter eigenem Namen aus, obwohl er zu seinen Platten häufig illustre Gäste lud, die sich allesamt aus seiner weit verstreuten Freundesschar rekrutierten: George Harrison, Phil Collins, Howlin' Wolf, J. J. Cale, um nur einige wenige zu nennen. Ehrensache für Clapton, dass er im Gegenzug auch auf deren Produktionen aushalf, wenn er angefragt wurde. Und er wurde oft und gerne angefragt.

So erfolgreich für Clapton die 1970-er waren, so miserabel ging es dem introvertierten Gitarristen und Sänger körperlich und seelisch. Clapton hatte in jener Ära ein ernsthaftes Heroin- und Alkoholproblem. Von seinen tragischen Frauen-Geschichten ganz zu schweigen. Während er etwa zwischen 1979 - 1988 mit Patti Boyd, die er seinem alten Kumpel George Harrison ausgespannt hatte, in erster Ehe verheiratet war, hatte er parallel Beziehungen zu Yvonne Kelly und Lory Del Santo am Laufen, aus denen eine Tochter und ein Sohn hervor gingen.

Auch was die Kinder betraf, nahm das Schicksal für den Ausnahme-Gitarristen seinen gnadenlos grimmigen Lauf: Clapton und Lory Del Santo mussten tatenlos zusehen, wie am 20. März 1991 ihr vierjähriger Sohn Conor aus dem 53. Stock eines Apartmenthauses in den Tod stürzte. Seine abgrundtiefe Trauer verarbeitete Clapton in der erschütternden Ballade "Tears In Heaven". Das dazugehörige Album "Unplugged" war für ihn nach eigener Angabe ein "Prozess der Selbstheilung".

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Schmerzhafte Erfahrungen

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"Oft waren für mich Beziehungen mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden", erklärte Clapton mir in unserem Interview. "Wobei ich sie nicht bereue, denn letztendlich profitiere ich davon, indem ich Songs darüber schreiben kann. Das ist besser als nichts, finde ich. Im übrigen rede ich an dieser Stelle nicht ausschließlich von Beziehungen mit Frauen. Auch eine Freundschaft mit einem Mann längere Zeit aufrechtzuerhalten, fällt mir oft ganz schön schwer. Vielleicht liegt das alles aber auch nur daran, dass ich ganz allgemein Probleme damit habe, mich einem anderen Menschen voll anzuvertrauen, mich ihm somit ausliefere, wer weiß?"

Kurz nach dem Trauma, ausgelöst durch den Tod des Sohns, machte Clapton seinen letzten Entzug und befreite sich endgültig von den Dämonen Drogen und Alkohol. Er veröffentlichte regelmäßig mal bessere, mal schlechtere Werke, absolvierte Live-Konzerte. 2002 geriet auch sein bis dato weiterhin bewegtes Beziehungsleben zur entspannten Ruhe, indem Clapton in zweiter Ehe die 31 Jahre jüngere Melia McEnery zur Frau nahm, mit der ihn neben der Liebe drei Töchter verbinden.

Und sonst? Auszeichnungen über Auszeichnungen! So ist Clapton bis dato der einzige Musiker, der h vier Mal in die "Grammy Hall of Fame" aufgenommen wurde, außerdem gewann er stolze 20 "Grammys". 2004 wurde er im Londoner Buckingham-Palast mit einem Orden von der Queen persönlich ausgezeichnet und als Musikgenie gewürdigt.

Zu Ehren von Claptons 70. Geburtstag erscheint Anfang Mai die Werkschau "Forever Man" (Warner). Sie bringt Claptons Karriere in einer hervorragenden Auswahl auf den Punkt. Die Box enthält klassische Studio- und hochkarätige Live-Aufnahmen, auf der Sonderausgabe zusätzlich eine komplette Scheibe mit Songs, auf der der Maestro seiner Liebe zum Blues freien Lauf lässt.

"Es würde mir schwer fallen, mich in meinen Liedern zu verstellen", erklärte Clapton mir im Gespräch. "Ich bin so nahe an meiner Gefühlswelt dran, dass ich sie jederzeit sofort anzapfen kann. Insofern sind definitiv alle meine Texte autobiographisch, weil sie eben von mir und meinem Innenleben berichten. Anders zu arbeiten, das würde mir partout nicht entsprechen."
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