Zahlreiche Preise

"Jeder Mensch hat seine Aufgabe. Meine ist es, Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen." Stefan Moses ist Fotograf. Das zeigt sich schon an der Formulierung eines Problems, dessen sich alle Vertreter seiner Gattung schmerzlich bewusst sind: Die Zeit verrinnt.

Was ein Foto bewahren kann, ist nur ein Augenblick, der im nächsten Moment schon wieder vorbei ist. Dass Stefan Moses gerade in dieser Fixierung des Flüchtigen eine außerordentliche Meisterschaft entwickelt hat, macht ihn zu einem der größten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Einzigartig sind er und sein Werk dabei durch den besonderen Schwerpunkt.

Stefan Moses bereiste zwar während der Zeit des aufkommenden Fotojournalismus der 50-er und 60-er Jahren wie andere seiner Kollegen die Welt. Hängen geblieben ist er aber bei einem Thema, das im Vergleich sowohl bodenständig als auch exotisch scheint: Stefan Moses wurde zum Porträtist der Deutschen.

Und zwar zu dem Porträtist schlechthin. "Will jemand in späterer Zeit etwas über die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute erfahren, so wird es jener Bilderkosmos des Stefan Moses sein, der Aufschluss gibt." Diese Einschätzung können die Betreiber des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg getrost vertreten.

"Wenn es jemals gelang, ein ,Volk' zu fotografieren, dann ihm", heißt es aus dem Museum weiter. Die Individuen einer Gesellschaft, die Moses über Jahrzehnte und etliche Umbrüche hinweg aufs Papier gebannt hat, sind nun im Regensburger Kunstforum zu sehen.

"Stefan Moses" lautet dort der Titel der aktuellen Sonderausstellung. Weiterer Erklärungen bedarf es nicht. Denn spätestens beim Rundgang durch die Schau zeigt sich schnell: Man kennt sie, die Bilder von Stefan Moses. Sei es die Abbildung des nackten Hundertwasser, das Foto des mit einer Katze spielenden Mönchs oder ein anderes Portrait einer prominenten oder gänzlich unbekannten Person - die Aufnahmen des fotografischen Großmeisters haben sich längst ins kollektive Gedächtnis eingeprägt.

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In der Ostdeutschen Galerie werden Fotograf und Werk nun ausführlich vorgestellt. Anlass ist der Lovis-Corinth-Preis, den Stefan Moses im vergangenen Jahr erhalten hat. Es ist eine weitere von zahlreichen Auszeichnungen für den heute in München lebenden Künstler, der seinen Weg gegangen ist in einem Land, das es ihm anfangs nicht leicht gemacht hat.

1928 im schlesischen Liegnitz geboren, erfuhr der jüdisch-stämmige Moses die Verfolgung durch die Nationalsozialisten am eigenen Leib. Noch 1945 gelang ihm die Flucht aus dem Zwangsarbeiterlager. Nach dem Krieg setzte Stefan Moses seine vorher schon begonnene Ausbildung als Fotograf fort und wurde 1947 am Nationaltheater Weimar zum jüngsten Theaterfotografen Deutschlands - das zu betonen ist ihm noch heute wichtig.

Der Aufstieg kam nach seiner Übersiedlung in den Westen. "Der liebe Gott hat mich nach München geschickt", zitiert die Kuratorin der Regensburger Ausstellung, Dr. Agnes Matthias, den Fotografen. Die Aufnahmen, die Moses nun für Magazine wie "Spiegel" und "Stern" schoss, prägen die Fotografiegeschichte nach 1945.

Die Ausstellung in Regensburg beleuchtet das Werk Stefan Moses' nun anhand von drei Langzeitzyklen: "Deutsche West, Deutsche Ost", "Deutschlands Emigranten" und "Künstler machen Masken" - die Bilder zeigen in Moses'scher Manier eine Ansammlung bekannter und unbekannter Personen.

Bezeichnend ist hier der Begriff "Langzeitzyklus". Oft über Jahre hinweg erstreckt sich bei Stefan Moses die Hinwendung zu einem Thema. Die Abkehr von dem einzigen wahren Moment in der Fotografie entspricht seiner Philosophie. Moses arbeitet in Serie. Auch der Augenblick selbst wird bei ihm meist nicht nur durch eine sondern durch mehrere Aufnahmen festgehalten.

Ein weiteres Markenzeichen Stefan Moses': "Es muss gehandelt werden", lautet die Ansicht des Porträtisten. Das erklärte er wohl auch der Kölner Zeitungsfrau, der er einen Stapel Zeitungen in die Hand drückte, den Zechearbeitern, denen er das Gesicht schwarz beschmierte oder den Bestattungsleuten, die er einen Sarg tragen ließ.

"Man muss sich verhalten", hatten sicherlich die Künstler zu hören, die Stefan Moses dazu aufforderte, aus dem Stegreif eine Maske zu gestalten und sich dahinter zu verbergen. Die Kreationen von Otto Dix, Georg Baselitz oder Loriot sind im Kunstforum anhand von Vorher-Nachher-Aufnahmen zu begutachten.

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Bunte Einblicke

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Moses' Abkehr von einer statischen Unbeweglichkeit des Porträtierten prägt die Fotografie bis heute. Und sie beschert dem Betrachter einen wenn zwar stets in Schwarz-Weiß-Tönen gehaltenen so dennoch bunten Einblick in die Welt der Deutschen.

Wer sind sie, diese Deutschen? Stefan Moses zeigt eine Flut von Individuen. Allein, zu zweit oder in Gruppen. Sich biegend vor Lachen oder ernst in die Kamera blickend. Keine Frage: Wenn es jemandem gelang, ein ,Volk' zu fotografieren, dann ihm.

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Die Ausstellung "Stefan Moses" läuft bis zum 31. Mai im Kunstforum Ostdeutsche Galerie (Dr.-Johann-Maier-Straße 5) in Regensburg. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr und Donnerstag von 10 bis 20 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Weitere Infos gibt es unter Telefon 0941/297140.

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Weitere Informationen im Internet:

http://www.kunstforum.net.
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