Zu viert in einem Zimmer

"Bayerische Landsleute!", so ist auf einem Plakat aus dem Jahre 1946 zu lesen. "Das bitterste Los in der allgemeinen Not tragen zweifellos die Ausgewiesenen. Hab und Gut, liebe Anverwandte und sogar die Heimat verloren! Wir alle müssen ihnen eine neue Heimat schaffen."

Bischof von Regensburg Das Plakat vom November 1946 ist unterzeichnet von Dr. Wilhelm Hoegner, dem Bayerischen Ministerpräsidenten sowie der gesamten Landesregierung, allen Parteien und Kirchen. Es erschien in einer Auflage von 15 000 Exemplaren. Angesichts von fast 2 Millionen Heimatvertriebenen, die bis 1950 nach Bayern gekommen waren, kann man den leidenschaftlichen Appell an die gesamte Bevölkerung gut verstehen.

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Auch die Familie meiner Mutter kam 1946 in einem Viehwaggon aus dem Sudetenland in Bayern an. Sie wurden einer Bauernfamilie in Oberbayern zugewiesen. Zu viert bewohnten sie dort ein Zimmer im ersten Stock. Wie die meisten Flüchtlinge heutzutage war die Familie meiner Mutter vor der Enteignung und Vertreibung nicht arm. Sie konnten in ihrer Heimat gut leben. Zuhause hatten sie selbst einen Bauernhof, jetzt mussten sie einer Familie zur Last fallen. Meiner Großmutter ist dies sehr schwer gefallen.

Als der Bauer am Abend vom Feld kommend meine Großmutter begrüßte, lud er sie ein, zum Abendessen nach unten zu kommen. Meine Großmutter gab zu bedenken: "Wir sind aber zu viert!" Worauf der Bauer nur erwiderte: "Ich habe Euch nicht gefragt, wie viele ihr seid." Diese Geschichte wurde in meiner Familie immer wieder erzählt als Beispiel für wahre, weil bedingungslose, Gastfreundschaft und um die Dankbarkeit in Erinnerung zu halten.

In diesen Tagen muss ich oft daran denken. Wie gut geht es den meisten von uns heute! Und um wie viel mehr sind wir, materiell gesehen, in der Lage, zu teilen, gastfreundlich zu sein und anderen Menschen zu helfen! Weihnachten ist auch das Fest der Solidarität Gottes mit allen Heimatlosen.

Die Weihnachtsdarstellung der Künstlerin Gabriele Breit macht uns besonders darauf aufmerksam. Maria sieht den Betrachter traurig, ratlos, fast verzweifelt und hilfesuchend an. Sie haben keinen Platz in den Herbergen von Bethlehem gefunden. Bei den Menschen waren sie nicht willkommen. Flüchtlingsscharen, Menschen, die nackt sind, alles verloren haben und einer ungewissen Zukunft entgegen gehen, umringen sie. Das Bild lenkt den Blick auf das damals wie heute aktuelle Problem von Flucht, Vertreibung und Heimatlosigkeit.

Die Künstlerin ist selbst 1946 nach dem Tod ihrer Eltern aus ihrer Heimat vertrieben worden. Als 19-jährige Frau kam sie nach Bayern, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen und eine Familie gründen konnte. In den folgenden Jahrzehnten wurde sie zu einer beeindruckenden und preisgekrönten Malerin. Wir wissen nie, wer uns wirklich in einem Flüchtling begegnet. Aber wir können sicher sein, dass Jesus Christus sich mit jedem Menschen, besonders mit den Hilfsbedürftigen identifiziert. "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäus 25,40).

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Die Ängste ernst nehmen

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Ich nehme die Ängste all derer, die in diesen Tagen auf die Straße gehen und um den Bestand des Abendlandes fürchten, ernst, aber ich halte sie für unbegründet. Das Abendland ist nicht gefährdet durch eine Kultur der Gastfreundschaft und der offenen Türen. Gerade eine solche Kultur gehört wesentlich mit zur Identität des Abendlandes. Mir macht Sorgen eine Verzipfelmützung von Weihnachten, das heißt die Banalisierung und totale Verkommerzialisierung.

Das Abendland ist nicht gefährdet von außen, sondern von innerer Aushöhlung. Der Kern der Botschaft von Weihnachten aber lautet: Gott tritt ganz und gar auf die Seite des Menschen. Er kommt als ein Kind, das uns alle Angst nehmen will und gerade so um Liebe und Vertrauen wirbt. Gehen Sie an Weihnachten in die Kirche, damit Sie es wieder hören: "Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren." Und nehmen Sie die Einladung des Kirchenliedes an: "Kommt, lasset uns anbeten den König, den Herrn."
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