Zwischen Bangen, Angst und Heimweh

Rainer Hofmann blättert im Tagebuch der evakuierten Schüler aus Hamburg. Bilder: Kempf
 
Stumme Zeitzeugen: Ein Notfall-Versorgungs-Koffer aus der Kriegszeit wird im Fränkische-Schweiz-Museum ausgestellt.

Erschütternde Dokumente, Bilder, Briefe, Tagebücher und verbliebene Erinnerungsstücke zeigen das schwere Los von Schülern fernab ihrer Familien - insbesondere gegen Kriegsende. Eine Ausstellung im Fränkische-Schweiz-Museum bildet das Leben um 1945 auf dem Land ab.

"Die Ausstellung ist im Fluss, zeigt den derzeitigen Forschungsstand, entwickelt sich weiter", betont Rainer Hofmann, Leiter des Fränkische-Schweiz-Museums Tüchersfeld. Bis 8. November zeigt das Museum die von ihm erstellte Sonderausstellung "Fürchten. Bangen. Hoffen. Leben um 1945 auf dem Land." Während sich andere Ausstellungen häufig auf die Städte zur damaligen Zeit konzentrieren, richtet Tüchersfeld den Blick bewusst auf die Ereignisse in der Fränkischen Schweiz, die Lebensumstände der Menschen vor und nach dem Einmarsch amerikanischer Soldaten.

Im Verlauf des Krieges waren zunehmend Männer und letztlich auch Jugendliche zum Wehrdienst einberufen worden, sie fehlten als Arbeitskräfte in Landwirtschaft und Handwerk. Viele starben, andere kamen verwundet zurück. In der Region gab es Kriegslazarette in Unterleinleiter und auf Burg Feuerstein. Kriegsgefangene lebten ebenso in der Region wie Evakuierte aus den bedrohten oder zerbombten Städten. Später gab es Camps für "DPs" (Displaced Persons, Entwurzelte aus Konzentrations- und Kriegsgefangenenlagern). Auch wurden im Rahmen der "Kinderlandverschickung" ganze Schulklassen aus Hamburg in die Fränkische Schweiz gebracht.

Tagebuch von Evakuierten

Besonders bewegend ist ein Tagebuch, das evakuierte Hamburger Schüler während ihres Aufenthaltes in der Region schrieben. Ein Lehrer aus Hamburg stellte es für die Ausstellung zur Verfügung. Es enthält Schilderungen ihrer Eindrücke, spiegelt die Ängste, das Heimweh, die Sehnsucht nach den Familien. Eines der Hamburger Kinder in der Fränkischen Schweiz war die bekannte Schauspielerin, Sängerin und Autorin Helga Feddersen (1930 bis 1990).

Die Ausstellung umfasst einen Zeitraum etwa ab Ende 1943 bis in die Zeit der Gründung der Bundesrepublik 1949. Zahlen und belastende Themen werden genannt, nichts wird beschönigt. Das Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg wird ebenso erwähnt wie die Aktivitäten auf Burg Feuerstein in Ebermannstadt zur Entschlüsselung von Geheimdienst-Nachrichten. In den letzten Kriegsjahren waren etliche Rüstungsbetriebe, aber auch politische Institutionen wie das Ahnenerbe in die Region verlagert worden.

Die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe war eine Forschungseinrichtung der SS, die am 1. Juli 1935 unter anderem von Heinrich Himmler (Reichsführer SS) als "Studiengesellschaft für Geistesurgeschichte. Das Ahnenerbe" gegründet worden war. Im Vordergrund standen archäologische, anthropologische und geschichtliche Forschungen und Expeditionen. Während des Zweiten Weltkrieges beteiligte sich das Ahnenerbe am systematischen Kunstraub und führte Menschenversuche durch. Aus der Nazi-Propagandazeitschrift "Signal" entwickelte sich in der Fränkischen Schweiz später die Zeitschrift "Quick". In den letzten Kriegsmonaten erfolgten Tieffliegerangriffe auch in der Region. Davon zeugen Fotos brennender Häuser und bis heute aufbewahrte Geschossteile.

NS-Symbole weggeworfen

Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner warfen die Menschen eiligst Uniformen, Waffen, Auszeichnungen und andere Gegenstände mit NS-Symbolen weg. Immer wieder kommen noch heute bei Bauarbeiten derartige Verstecke zum Vorschein. Zum Kriegsende kamen zahlreiche Flüchtlinge und Sudetendeutsche in die Region. Durch sie veränderten sich in den Orten jahrhundertelange Konfessionsgrenzen. "Die Flüchtlinge trugen zum Neubeginn und zur Entwicklung bei", erklärt Rainer Hofmann. Neue Siedlungen entstanden, Betriebe wurden gegründet.

Befreiung durch Amerikaner

Auch der Einmarsch der Amerikaner wird in der Ausstellung beleuchtet. Sie brachten nicht nur die Befreiung, sondern zur Freude der Kinder auch Schokolade und Kaugummi. Trotz des Kontaktverbotes wurden Freundschaften geschlossen, manches Kennenlernen mündete in eine Ehe. Eine Besonderheit gab es in der Region, eine Einheit mit farbigen Soldaten kam in die Fränkische Schweiz.

Manch ein Bewohner sah zum ersten Mal im Leben einen Farbigen. NS-Parteimitglieder, stramme Nazis wurden interniert, ihnen wurde vielfach der Prozess gemacht. In Bamberg wurde eine Zeitung in jiddischer Sprache gegründet, in einer eigens gegründeten Ausbildungsstätte wurden jüdische Mitbürger auf das Leben im Kibbuz in Israel vorbereitet.
Weitere Beiträge zu den Themen: Magazin (11335)Tüchersfeld (3)August 2015 (7425)
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