Zwischen Neugier und Verletzung

Sexuelle Handlungen unter Kindern sind noch immer ein Tabuthema. Eltern, die ihren Nachwuchs bei so etwas beobachten, sind oft verunsichert: Ist das Verhalten normal? Was gehört zur sexuellen Entwicklung?

Neustadt/WN. (esc) Ein Junge und ein Mädchen spielen im Kindergarten in der Kuschelecke. Plötzlich verlangt er von seiner Spielkameradin, sich auszuziehen und sich "untersuchen" zu lassen. Doktorspiele? Oder: Ein Sechstklässler lockt einen Schüler der ersten Klasse mit der Aussicht auf einen Kaugummi in eine versteckte Ecke auf dem Pausenhof. Der Ältere verlangt vom Jüngeren, sich die Hose runterzuziehen. Dann steckt er ihm einen Stock in den Intimbereich. Misshandlung?

Oft stehen Erzieher vor den Fragen: Ist das normal? Was gehört zur kindlichen Sexualität und wo muss man von sexueller Gewalt unter Kindern sprechen? Wie auf solche Vorfälle zu reagieren ist, wissen die Pädagogen oft nicht. Ratschläge bekamen sie nun von einer Expertin. Der Arbeitskreis "Gegen sexuelle Gewalt an Kindern" - Weiden-Neustadt gewann für ihre Fachtagung "Sexuelle Übergriffe durch Kinder" Maria van Os, Diplom-Pädagogin beim Verein Strohhalm (siehe Kasten) .

Sie erklärte die Begrifflichkeiten, die sie verwendet: sexuelle Übergriffe unter Kindern statt sexueller Missbrauch; betroffene und übergriffige Kinder statt Opfer und Täter. Die Unterscheidung zwischen sexuellen Aktivitäten und Übergriffen sei zentral. Bei Ersteren müsse entsprechend des sexualpädagogischen Konzepts, bei Übergriffen im Sinne des Kinderschutzes gehandelt werden.

Kinder durchleben während ihrer Entwicklung verschiedene sexuelle Phasen (siehe Hintergrund) . "Für Kinder ist es ein sexuelles Bedürfnis, Zuneigung zu erfahren", sagt van Os. Wichtig sei es außerdem, eine "Atmosphäre zu schaffen, in der Kinder Fragen stellen dürfen". Das Team der Einrichtung, das mit Kindern arbeitet, soll gemeinsamen ein Verhandlungskonzept entwickeln. "Ein fachlicher Umgang mit sexuellen Übergriffen unter Kindern ist die Prävention vor sexuellem Missbrauch."

Merkmale der sexuellen Übergriffe sind Unfreiwilligkeit und ein Machtgefälle, indem beispielsweise durch Versprechungen, Anerkennung, Drohung oder körperliche Gewalt Druck ausgeübt wird. In solchen Lagen sei es wichtig, das betroffene und auch übergriffige Kind in die Gespräche einzubeziehen. Ersteres hat Vorrang. Es braucht Trost, Mitgefühl und Schutz. Das übergriffige soll mit dem Vorfall konfrontiert werden, brauche eine klare Bewertung und ein Verbot. Eltern, die Einrichtungsleitung und gegebenenfalls das Jugendamt sollten dann noch hinzugenommen werden.
Weitere Beiträge zu den Themen: Mai 2015 (7908)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.