27-jähriger IS-Rekrut rechtfertigt sich vor Oberlandesgericht in Celle: Nur zum Koranunterricht ...
Aus Unwissenheit und Naivität zum Islamischen Staat?

Der Angeklagte Ayoub B. hat seine eigene Version, wie er zum Islamischen Staat kam. Zu Beginn der Verhandlung wurde er am Montag in einen mit Sicherheitsglas abgetrennten Raum im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Celle (Niedersachsen) geführt. Bild: dpa
Hinter einer Plexiglasscheibe sitzt Ayoub B.. Der junge Mann im weißen Hemd und mit schwarzen Löckchen verfolgt aufmerksam die Worte seines Anwalts, der seine Aussage vorliest. Über Dutzende Seiten zeichnet B. von sich selbst das Bild eines gutgläubigen Verlierers, der erst unwissentlich und später unter Zwang bei der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) mitmachte.

Der 27-Jährige muss sich seit Montag zusammen mit Ebrahim H. B. (26) vor dem niedersächsischen Oberlandesgericht Celle dafür verantworten, zwischen Juni und Mitte August 2014 beim IS in Syrien und im Irak gewesen zu sein. Das geben die beiden jungen Männer aus Wolfsburg auch zu. Allerdings weist B. von sich, aus eigenem Antrieb und Überzeugung gehandelt zu haben. Claudia Gorf von der Bundesanwaltschaft hält den beiden Deutsch-Tunesiern vor, die terroristischen Ziele des IS gefördert und im Internet für den Heiligen Krieg geworben zu haben. Die beiden Angeklagten seien nach Deutschland zurückkehrt, "ohne ihre ideologische Übereinstimmung mit dem IS aufgegeben zu haben." Beide Angeklagten haben sich mittlerweile öffentlich vom IS distanziert.

Ayoub B. schildert vor Gericht, er habe Probleme in der Schule gehabt, musste auf die Hauptschule wechseln. Er habe Gras geraucht, getrunken, Kokain konsumiert, gespielt. "Ich war das Sorgenkind meiner Familie", erklärte B. Beten sei ihm fremd gewesen. "Wir hatten mit Religion nichts zu tun", sagte auch Ebrahim H. B. in einem Fernseh-Interview. Die beiden Männer waren in Wolfsburg an radikale Islamisten geraten. Die Gruppe gibt Halt. "Wir schaukelten uns gegenseitig hoch." Wer ist der strengste Muslim? Im Mai 2014 brechen beide in Richtung Syrien auf. Er sei in dem Glauben dorthin gereist, an einer Islamschule Koranunterricht zu bekommen, sagt Ayoub B. Als sie vor die Wahl gestellt worden seien, entweder Kämpfer oder Selbstmordattentäter zu werden, sei er geschockt gewesen, sagt B. Er entschied sich für Kämpfer. Er habe mehrfach darum gebeten, nach Hause zu dürfen, zur Kampfausbildung sei er gezwungen worden. Schließlich sei ihm die Flucht gelungen.

Doch es gibt Zweifel, ob Ayoub B. tatsächlich so harmlos und naiv ist. Ein Foto zeigt ihn mit Kalaschnikow, Sprengstoffgürtel und IS-Fahne. Ayoub B. erklärt: IS-Männer hätten ihn bewusst in diese Situation gebracht, um seine Familie gegen ihn aufzubringen und ihn zu isolieren. In Deutschland habe er sich nach außen verstellen müssen, damit seine IS-kritische Haltung nicht auffliegt.

Nun muss B. das Gericht überzeugen, dass er von seinem IS-Einsatz weder im Vorfeld gewusst, noch ihn befürwortet hat. Andernfalls drohen ihm bis zu 10 Jahre Haft.
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Celle (5)August 2015 (7425)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.