300 Tote, 1400 Verletzte bei Putschversuch in der Türkei
Erdogan schlägt zurück: Mehr als 6000 Festnahmen

Alles wieder unter Kontrolle, sollen die Bilder sagen: Ein Polizist auf einem Panzer auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Die Polizei hatte sich dem Putschversuch nicht angeschlossen. Bild: dpa

Nach dem Scheitern des Umsturzversuchs in der Türkei greift der Staat rigide gegen Militärs und Richter durch. Präsident Erdogan spricht von "Metastasen" und "Viren" - und sogar von der Todesstrafe.

Istanbul/Berlin. (dpa) Das harte Vorgehen der türkischen Führung um Präsident Recep Tayyip Erdogan gegen tatsächliche und vermeintliche Putschisten weckt im Ausland große Sorgen um Rechtsstaatlichkeit und Stabilität des Nato-Landes. US-Präsident Barack Obama rief alle Parteien in der Türkei zu "gesetzmäßigem Handeln" auf. Kanzlerin Angela Merkel verurteilte den Umsturzversuch mit etwa 300 Toten "aufs Schärfste", mahnte aber zugleich die Einhaltung demokratischer Werte bei der Verfolgung der Urheber an.

Gerade im Umgang mit den Verantwortlichen für die tragischen Ereignisse könne und solle sich der Rechtsstaat beweisen, sagte Merkel. Erdogan und die islamisch-konservative Regierung in Ankara griffen bei Militär und Justiz massiv durch. Die Zahl der Festnahmen belief sich auf rund 6000 und dürfte sich noch erhöhen, wie Justizminister Bekir Bozdag sagte. Erdogan beruft sich für seinen harten Kurs auf große Unterstützung in der Bevölkerung: Am Samstag und Sonntag gingen nach Schätzung aus Regierungskreisen insgesamt rund vier Millionen Menschen aus Protest gegen die Putschisten auf die Straßen. Auch in Deutschland zogen Erdogan-Anhänger auf die Straßen - allein in Nordrhein-Westfalen waren es mehr als 10 000.

Zurück zur Todesstrafe?


Erdogan kündigte baldige Beratungen mit der Opposition über eine mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe an. Die Todesstrafe ist in der Türkei seit 1984 nicht mehr vollstreckt und 2004 abgeschafft worden. Es sei nicht nötig, sich für die Wiedereinführung "von irgendwoher eine Erlaubnis einzuholen", betonte der Präsident. Mit EU-Regeln wäre eine Rückkehr zur Todesstrafe nicht vereinbar.

Erdogan stellte ein gnadenloses Vorgehen gegen Anhänger seines Erzfeindes Fethullah Gülen in Aussicht. "Leider haben sie wie ein Krebsvirus den ganzen Staat befallen." Erdogan macht Anhänger des im US-Exil lebenden Predigers Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Der Präsident kündigte auch eine "vollständige Säuberung" des Militärs an. Gülen streitet die Vorwürfe Erdogans ab. "Meine Botschaft an das türkische Volk ist, eine militärische Intervention niemals positiv zu sehen", sagte der 75-Jährige am Samstag (Ortszeit) in Saylorsburg. Auf diese Weise könne Demokratie nicht erreicht werden. Gülen lebt seit Ende der 90er Jahre in den USA.

300 Tote, 1400 Verletzte


Bei dem Umsturzversuch wurden nach offiziellen Angaben rund 300 Menschen - mehr als 190 regierungstreue Sicherheitskräfte oder Zivilisten und gut 100 Putschisten - getötet, mehr als 1400 wurden verletzt. Die Putschisten wollten nach eigenen Angaben Demokratie und Menschenrechte sowie die verfassungsmäßige Ordnung in einer zunehmend autoritär regierten Türkei wiederherstellen.

Österreichs Außenminister Sebastian Kurz plädierte am Sonntag für eine konsequente Haltung Europas gegenüber Erdogan zur Einhaltung der Grundrechte. Der gescheiterte Umsturz dürfe kein Freibrief für Willkür sein.

Ein klarer Anführer der Putschisten aus den Reihen des Militärs war bis Sonntag nicht benannt. Allerdings wurden mehrere Generäle festgenommen, darunter Ex-Luftwaffenchef Akin Öztürk, der als einer der mutmaßlichen Drahtzieher des Umsturzversuchs bezeichnet wird. Außerdem wurden bisher insgesamt 2700 Richter abgesetzt - fast ein Fünftel der schätzungsweise rund 15 000 Richter in der Türkei.

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Weitere Bilder und Berichte im Internet:

www.onetz.de/1683363
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