Alles andere als Pillepalle

Wenn der Druck am Arbeitsplatz zu groß wird, greifen immer mehr Beschäftigte zu Tabletten. Archivbild: dpa

Arbeit ist grundsätzlich sinnstiftend. Besteht eine Balance zwischen Anforderung und Leistungsvermögen, kann sie regelrecht glücklich machen. Doch wehe, wenn das Gleichgewicht gestört ist.

Wer kennt das nicht? Der Leistungsdruck nimmt stetig zu, die Vorgaben und Kontrollen des Chefs werden härter - und es ist kaum Besserung in Sicht. Dann braucht man etwas, das einen aufbaut. In dieser Stresssituation greifen mehr und mehr Beschäftigte zu Aufputschmitteln. Bis zu fünf Millionen haben schon einmal verschreibungspflichtige Medikamente zur Stimulierung genommen, ohne krank zu sein, so eine Schätzung der Krankenkasse DAK-Gesundheit. Sie versuchen so, ihr geistiges Leistungsvermögen zu stimulieren, um länger durchzuhalten, sie betreiben Hirndoping.

Ein lukrativer Markt

Eine Million - oder ein bis zwei Prozent der Beschäftigten - tun dies inzwischen regelmäßig. Das scheint zunächst nicht viel. Allerdings lässt die Entwicklung in den USA, wo sich je nach Studie bis zu 35 Prozent der Beschäftigten dopen, nachdenklich stimmen. Dies könnte auch zu einer Gefahr für Deutschland werden.

Falls es gelingen sollte, Medikamente mit leistungssteigender Wirkung zu entwickeln, die weniger Nebenwirkungen und Gesundheitsrisiken aufweisen, könnte sich der Konsum deutlich erhöhen. Das könnte ein lukrativer Markt werden.

Nun könnte man sagen, die Menschheit hat schon immer Aufputschmittel genommen - Koffein zum Wachbleiben, Alkohol und Zigaretten zum Runterkommen, um nur die gängigsten zu nennen. Doping war bis in die 1970er Jahre gesellschaftlich akzeptiert und frei zugänglich. Daher gibt es heute auch eine relativ große Akzeptanz bei verschreibungspflichtigen Medikamenten. Auch ist die Hemmschwelle nicht so hoch wie bei illegalen Drogen. Denn der Arzt muss ja schließlich wissen, was er verschreibt.

Ärzte gehören laut DAK-Angaben zu den wesentlichen Bezugsquellen für stimulierende Arzneimittel auf Rezept, ebenso wie Kollegen, Freunde, Familie und vor allem auch der Versandhandel. Der Handel über das Internet - und der nimmt zu - ist aber sehr riskant, da viele Fälschungen unterwegs sind. Die Verschreibung durch einen Mediziner beginnt dagegen in der Regel ganz harmlos. Zum Beispiel erbittet ein Student vom Arzt etwas gegen seine massive Prüfungsangst, damit er nicht nochmals durchfällt. Derartige Patientenwünsche würden schon mal erfüllt, sagt Hans-Dieter Nolting, der die DAK-Studie betreute.

Die Wirkung des Hirndopings wird laut DAK über- die Nebenwirkung unterschätzt. Herzrhythmusstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Nervosität und Schlafstörungen sind noch die harmloseren Folgen. Es kann auch zu Abhängigkeit und Persönlichkeitsveränderungen kommen. Wirkung und Nebenwirkung stehen langfristig in keiner Relation zum Nutzen - im Gegenteil, je häufiger man sich so stimuliert, umso wahrscheinlicher endet das im Burn-out, macht Nolting deutlich.

Chirurgen und Piloten

Und er nennt auch gleich die Berufsgruppen die zugänglich für Doping sind: Chirurgen, Piloten im privaten wie im militärischen Bereich. In den USA werde man als Militärpilot geradezu verpflichtet zu dopen, um den Kampfjet länger fliegen zu können.

Doch es seien keineswegs hoch qualifizierte Berufsgruppen, die besonders viel mit Medikamenten dopen, meint DAK-Chef Herbert Rebscher. Die Quote der Beschäftigten, die Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung genommen haben, steige vielmehr mit abnehmender Qualifizierung. "Doping am Arbeitsplatz ist mittlerweile beim Otto Normalverbraucher angekommen", sagt Rebscher. Verschreibungspflichtige Medikamente als kleine Helfer der kleinen Leute.
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