Altkanzler Helmut Kohl setzt sich vor Gericht gegen Autor Heribert Schwan endgültig durch
Ein Ghostwriter muss schweigen können

Im Oktober 2014 stellte Heribert Schwan in Berlin das Buch "Vermächtnis. Die Kohl-Protokolle" vor. Dafür hat Schwan nicht autorisierte Zitate Kohls veröffentlicht. Archivbild: dpa
"Verräter" und "Dieb" hat der Anwalt von Helmut Kohl dessen ehemaligen Ghostwriter Heribert Schwan genannt. Der wiederum hat Kohls Frau Maike öffentlich zu seinem "Feindbild" erklärt. Man darf wohl sagen, dass das Verhältnis von gegenseitiger Abneigung gekennzeichnet ist.

Dabei haben sie sich einmal geschätzt, Kohl und Schwan. Der Altkanzler hatte den WDR-Journalisten zu seinem Ghostwriter auserkoren. Mehr als 600 Stunden lang sprach er mit ihm im Keller seines Bungalows in Ludwigshafen-Oggersheim über sein Leben, und Schwan nahm alles auf Kassette auf. Das war 2001 und 2002 - Jahre bevor Kohl bei einem Sturz ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und dadurch in seiner Sprech-Fähigkeit stark eingeschränkt wurde.

Den Mitschnitt nutzte Schwan als Grundlage für die Memoiren des CDU-Politikers. Er schrieb den Text und ging ihn dann mit dem Altkanzler durch. In dem veröffentlichten Werk wurde sein Name nicht genannt - das ist das Los des Ghostwriters: ein guter Geist, der zwar im Raum schwebt, aber unsichtbar bleibt.

Helmut Kohls neue Liebe

Dann - so Schwans Sicht - trat irgendwann "diese Frau" auf den Plan: Maike Richter. Kohls neue Liebe, die er 2008 auch heiratete. Anders als seine erste Frau Hannelore wollte sie ihm nicht nur den Rücken frei halten, sie wollte mitreden, "diese Frau", die doch erst 18 war, als Kohl 1982 Bundeskanzler wurde. Für Schwan war das schwer zu verkraften. Es kam zu Irritationen. Irgendwann flatterte ihm ein Brief ins Haus, wonach seine Dienste nicht mehr erwünscht waren. Der vierte und letzte Band der Memoiren ist bis heute nicht erschienen. Dabei wäre es ein besonders wichtiger Band, denn es würde dort um Kohls Sturz und vollständige Entmachtung im Zuge der CDU-Spendenaffäre gehen.

Schwan wollte sich das alles nicht so einfach gefallen lassen. Zuerst veröffentlichte er eine Biografie über Hannelore Kohl, mit der er damals in Oggersheim viel Zeit verbracht hatte, bevor sie sich 2001 das Leben nahm. Im vergangenen Jahr folgte das Buch "Vermächtnis: Die Kohl-Protokolle". Ein Bestseller, gespickt mit Kohl-Zitaten aus den alten Mitschnitten. Zitate, die es in sich hatten, denn Kohl war schon immer dafür bekannt, dass er sich - "nur unter drei", sprich: vertraulich - kritisch bis hämisch über Kollegen und Weggefährten äußern konnte. Er lästerte gern.

Altkanzler entscheidet

Wie muss man die Sache nun einschätzen? Rein vom Gefühl her würden viele wohl sagen: Es ist vielleicht nicht sehr fein, über andere Leute herzuziehen. Aber noch unfeiner kann es sein, das, was der andere gesagt hat, weiterzuerzählen. Für die Gerichte, die sich seit längerem mit dem Fall beschäftigen, zählt natürlich nicht das Gefühl. Für sie zählen vor allem die Umstände, unter denen sich Kohl damals geäußert hat. Und hier ist für die Gerichte entscheidend, dass Kohl der Auftraggeber war und Schwan der Ausführende.

Allein Kohl habe deshalb entscheiden können, was veröffentlich werden sollte und was nicht. In erster und am Dienstag auch in zweiter Instanz haben die Gerichte entschieden, dass Schwan gegen eine "stillschweigende Geheimhaltungsvereinbarung" verstoßen habe. Mit anderen Worten: Ein Ghostwriter muss nicht nur schreiben können. Sondern auch schweigen.

Ein Verkaufserfolg

Der Verlag darf nun das Buch in dieser Form deshalb nicht mehr verbreiten. Restexemplare, die schon in den Regalen der Buchhändler liegen, dürfen aber noch verkauft werden. Da es um ein einstweiliges Verfügungsverfahren ging, ist keine Berufung gegen die Entscheidung möglich. Kohls Anwälte kündigten an, den Heyne-Verlag, Schwan und seinen Co-Autoren Tilman Jens auf Entschädigung in Millionenhöhe verklagen zu wollen.

Verlagsjustiziar Rainer Dresen tat dies als "Anwaltsrhetorik" ab: "Was sollen Kohls Anwälte denn auch anderes sagen, nachdem sie den durch ihre Prozesslawine erst möglich gewordenen Verkaufserfolg des Buchs letztlich nicht verhindern konnten?" Schwan äußerte sich empört. "Es ist lächerlich", sagte er. "Dieses Gericht hat keine Ahnung." Er werde sich von niemandem "das Maul verbieten" lassen.
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