Am Geburtstag in die Freiheit

Ehemalige Häftlinge des KZ Buchenwald stehen am Sonntag auf dem ehemaligen Appellplatz in der Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar (Thüringen). Zum 70. Jahrestag der Befreiung erneuerten sie den Schwur, mit dem sich die Befreiten zum Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit verpflichtet hatten. Bild: dpa

Nach 70 Jahren sind noch einmal 80 Überlebende des KZ Buchenwald an den Ort ihres einstigen Leidens zurückgekehrt. Auch Sol Lurie, der am 11. April 1945 sein zweites Leben begann. Es war sein 15. Geburtstag.

"O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen, weil du mein Schicksal bist." Diese unter die Haut gehenden Worte aus dem Lied der Buchenwalder ist für den 85 Jahre alten Sol Lurie nach 70 Jahren aktuell wie damals. Er war einer der 21 000 Überlebenden, die am 11. April 1945 von US-Soldaten befreit wurden. Es war sein 15. Geburtstag und der Beginn eines Lebens in Freiheit. Der Jude aus Kaunas in Litauen war einer der 904 Kinder und Jugendlichen, die auch durch die Solidarität älterer Häftlinge überlebten. Da lagen die Torturen von sechs NS-Lagern - unter anderem Dachau und Auschwitz-Birkenau - hinter ihm, war er mehrmals auf der Flucht vor den Deutschen, im Ghetto und als Häftling dem Tod knapp von der Schippe gesprungen. "Ein Wunder", sagt Lurie am Samstag an seinem 85. Geburtstag. In Weimar erinnert er gemeinsam mit etwa 80 Überlebenden aus aller Welt noch einmal an die 56 000 Toten des KZ Buchenwald und seiner 136 Außenlager. 250 000 Menschen hatte die SS von 1937 bis 1945 auf den Ettersberg bei Weimar getrieben und als Zwangsarbeiter schuften lassen. Es war am Ende das größte KZ auf deutschem Boden.

"Ich glaube, ich bin gerettet worden, um der Welt zu erzählen, wie es war", sagt Lurie, der im Sommer 1945 mit anderen Kindern in ein Waisenheim nach Frankreich kam und 1947 in die USA auswanderte. Seine Mutter und ein Bruder waren wenige Tage vor der Befreiung in einem Lager gestorben. Seinen Vater, der wieder in Litauen lebte, sah er erst 1969 wieder. Erst seit acht Jahren könne er auf Nachfragen seiner Enkelin über die Gräuel sprechen, erzählt er - dicht umringt von Zuhörern im Deutschen Nationaltheater.

"Wir sind frei!"

"Ich wollte Hitler überleben", sagt er auf die Frage, was ihn angetrieben hat, nicht aufzugeben. "Am 11. April wusste ich, ich habe Hitler überlebt." Damals vor 70 Jahren ertönte gegen 15.15 Uhr über die Lautsprecher des Lagers der lang ersehnte wie unglaubliche Satz: "Kameraden, wir sind frei!" Seit diesem Tag steht die Turmuhr über dem Lagertor mit der zynischen Inschrift "Jedem das Seine" auf 15.15 Uhr - zum Gedenken und zum Mahnen, dass der Schwur der Buchenwalder, den Nazismus mit seinen Wurzeln auszurotten, noch nicht erfüllt ist.

Auch die Aufklärung der NS-Verbrechen und ihre Ahndung ist 70 Jahre nach Kriegsende noch nicht abgeschlossen. Die Fahnder der zentralen Ermittlungsstelle zu NS-Verbrechen in Ludwigsburg bei Stuttgart schauen sich derzeit gezielt Altfälle noch einmal an. Aktuell gibt es in zwölf Fällen Vorermittlungen, wie der Leiter Kurt Schrimm vor kurzem gesagt hatte. Die Verfahren sollen in den nächsten Monaten abgeschlossen und dann je nach Ergebnis an die zuständigen Staatsanwaltschaften zur Anklageerhebung abgegeben werden.

Bei den aktuellen Recherchen geht es um ehemalige Aufseher der Vernichtungslager Auschwitz und Majdanek. Aber: "Nicht nur Akten dieser Lager werden noch einmal angeschaut, sondern auch die der anderen Konzentrationslager wie Buchenwald", hatte Schrimm berichtet.

Neben Lurie sitzt der US-Veteran Charles Robert Harmon. Er ist einer der US-Soldaten, die 1945 als Befreier kamen. Die eigentlichen Helden sind Männer und Frauen wie Lurie, betont Harmon. "Lurie war hilflos, ich hatte eine Waffe." Am 12. April 1945 erlebt er die Kapitulation und Übergabe Weimars. Es ist sein 20. Geburtstag. Später habe er das Außenlager Ebensee vom KZ Mauthausen mit befreit, erzählt er. Die US-Soldaten hätten auf ihrem Marsch von Westen her überall Elend und Not gesehen, aber erst hier im Osten habe er das ganze Ausmaß der katastrophalen Verbrechen erkannt.

Kein Hass auf Deutsche

"Was damals passiert ist, passiert auch heute noch überall", meint Lurie und ist sich mit Harmon einig: Die Menschen müssen aus der Vergangenheit lernen, einander zu respektieren, zu helfen und zu lieben. Und nein, er hasse niemanden, sagt Lurie. "Wenn ich die Deutschen hassen würde, wäre ich nicht besser als die, die uns Juden vernichtet haben." Es habe auch gute Deutsche gegeben, die ihm geholfen hätten - es seien nur zu wenige gewesen.
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