An der griechisch-mazedonischen Grenze warten mehr als 11000 Flüchtlinge
Verzweiflung in Idomeni

Diese syrischen Flüchtlinge fordern von den mazedonischen Behörden, sie schneller in Richtung Westeuropa weiterreisen zu lassen. Bild: dpa

Flüchtlingsstau auf der Balkanroute. Mehr als 11 000 Menschen sitzen an der geschlossenen Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien fest. Was werden soll, weiß niemand.

Idomeni. "Das ist unvereinbar mit menschlichem Leben. Es ist dreckig, nicht mal für Tiere geeignet", empört sich ein junger Pakistaner. Er sitzt am Donnerstag mit drei Landsleuten und zwei Afghanen auf den Schienen vor der geschlossenen mazedonischen Grenze im nordgriechischen Flecken Idomeni. "Wir sind schon acht Tage hier und können uns weder registrieren, noch haben wir Essen oder Unterkunft".

Die Männer gehören zu den Flüchtlingen zweiter Klasse, die dort überhaupt nicht mehr weiter nach Norden in Richtung Österreich und Deutschland reisen dürfen. Sie gelten als Wirtschaftsflüchtlinge, die sich keine Hoffnung machen sollen. Sie haben hier im Flüchtlingscamp auch kein Anrecht auf Versorgung. Aber auch die Menschen aus den Bürgerkriegsländern Syrien und Irak, die Mazedonien passieren lässt, haben die Hoffnung weitgehend verloren.

Ein paar Hundert Syrer und Iraker dürfen am Tag die mit doppeltem Stacheldraht bewehrte Grenze zu Mazedonien passieren. Denn seit Mitte Februar haben sich die Anrainerstaaten der Balkanroute, über die im vergangenen Jahr mehr als eine Million Menschen nach Westeuropa gelangt waren, auf eine tägliche Höchstzahl von 580 Menschen verständigt. Doch mehr als 11 000 warten hier in Idomeni und es kommen stündlich mehr. Der Druck im Kessel steige, sind Helfer besorgt.

Es gebe keine klaren Kriterien, wer durchgelassen wird und wer zurückbleiben muss, klagt Baber Baloch, der örtliche Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR): "Manche werden wieder zurückgeschickt, obwohl sie erst durchgelassen wurden". Die enge Metalltür im Maschendrahtzaun erscheint auch an diesem Tag wieder für viele als das Tor in eine bessere Zukunft. Auf Anordnung der Polizisten haben sich die Ersten auf den Boden gesetzt und harren der Dinge, die da kommen.

Fluchtziel Deutschland


"Ich warte schon neun Tage", klagt Samir Shari. Der Invalide aus dem syrischen Aleppo zuckt vor Schmerz zusammen, weil seine kleine Tochter unbedingt auf dem verletzten Bein sitzen will: "Es geht so langsam, aber ich will nach Deutschland." Die Menschen, die sich einen Platz in der Schlange vor dem Grenzdurchlass erkämpft haben, verteidigen ihre Position nach Kräften. Auch Sahary und Mulham, zwei Männer von gut 20 Jahren aus Aleppo warten in der Ecke eines fünf mal zehn Meter kleinen Zeltes. Rauchen ist die einzige Abwechselung. "Wir haben die Nacht hier verbracht", erzählen sie: "Kein Essen, kein Wasser, keine frische Luft. Aber wir gehen nicht weg, bis wir durchkommen." Sie geben sich noch unerschütterlich.

Darwin Ali, ein 37-jähriger irakischer Kurde, rechnet sich größere Chancen aus. Denn die Polizisten rufen ihn stets zur Hilfe, wenn es Probleme mit anderen Wartenden gibt. Der Tontechniker spricht fünf Sprachen einschließlich Griechisch. Er wartet mit seiner Familie seit acht Tagen auf Durchlass: "Wir wollen nach Deutschland. Dort werde ich einen Job finden und möchte meinen Master als Toningenieur machen", beschreibt er von seinen Traum.

Weiterkommen zählt


"Open the border (Öffnet die Grenze)", "Merkel help us (Merkel hilff uns)", haben viele auf die Wände ihrer kleinen bunten Kuppelzelte im Flüchtlingslager von Idomeni gesprüht. Andere halten Zettel und Kartons mit dieser Forderung in die Höhe. Dass ihr Schicksal vom EU-Türkei-Gipfel beeinflusst wird, ist niemandem bewusst. Die große Politik zählt hier nichts. Nur das Überleben und vor allem das Weiterkommen.
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