Angst vor sexueller Gewalt
Ausgeliefert inmitten einer Horde Männer

Frauen demonstrieren in Köln vor dem Dom gegen Sexismus. Bild: dpa

Eine Masse von Männern, und ihr ausgeliefert: Frauen. Das ist das Bild von der Silvesternacht in Köln. Was macht das mit der Angst vor sexueller Gewalt - und vor dem Fremden?

Berlin/Köln. Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln rufen schreckliche Bilder auf. Eine Menge Männer, die Jagd auf Frauen machen. Diese Bilder geistern durch Berichte und Gespräche, auch von jenen, die nicht auf dem Bahnhofsvorplatz waren. Es sind Geschichten von Gewalt und Gefahr - und von Selbstbestimmung. Doch was macht das mit der Angst von Frauen und woher kommt sie?

Alltägliche Lebenserfahrung


Der nächtliche Heimweg, der Weg durch eine dunkle Tiefgarage - viele Frauen gehen diese Wege mit Angst. Betroffene aus Köln erzählen von Händen unter dem Rock, in Slips, von der Angst, der Masse nicht zu entkommen. "Die Erfahrung möglicher sexueller Gewalt ist bei Frauen gegenwärtig, weil das durchaus alltägliche Lebenserfahrung ist", sagt Margreth Lünenborg, Expertin für Geschlechterforschung. Dass die Nachrichten von Köln dieses unterschwellige Wissen aktivieren, ist für sie nur natürlich.

Übergriffe gab es auch schon vor der Nacht in Köln, zum Beispiel auf dem Oktoberfest, wie Maja Wegener von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes sagt. Das Ausmaß der sexuellen Übergriffe wie in Köln aber ist neu.

Ein Artikel im Frauenmagazin "Emma" beschrieb die Nacht als eine, in der "Männer in großen Rudeln über Frauen herfallen". Auch die Verbreitung eines aus dem Kontext gerissenen Tipps der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, Fremde eine Armlänge von sich wegzuhalten, schürt Misstrauen. Und natürlich die Täterbeschreibung.

Über die Männer in Köln berichten Augenzeugen und Opfer, sie seien dem Aussehen nach größtenteils "nordafrikanischer" oder "arabischer" Herkunft. Die Vorstellung, dass eine Frau von einem ihr unbekannten Mann überfallen und vergewaltigt wird, ist weit verbreitet - als reale Tat Experten zufolge aber eher die Ausnahme. Nach Köln geht es nun nicht nur um den bloß Unbekannten, es geht um den Fremden. Die Beschreibung "nordafrikanisch" nutzen Rechte für Propaganda gegen Ausländer und Migranten. Vorverurteilungen haben Hochkonjunktur. Die Furcht vor dem Fremden als hemmungsloser Vergewaltiger ist ein mächtiges Vorurteil. Berechtigt ist es nicht.

Projektion des Lustmolchs


Das Muster des sexlüsternen Fremden ist alt, und Rassisten nutzen es für Angstmacherei, wie der Politikwissenschaftler Hajo Funke sagt. "Vieles davon ist auch eine Projektion: Man ist selbst auf Gewalt aus, auf Geld oder auf Sex, und schiebt es auf den anderen. Das macht es so infam." In Wirklichkeit sei es eher der verdruckste Onkel, der die Nichte missbraucht, sagt der Sexualforscher Jakob Pastötter. "Das Fremde wirkt feindlich, in der irrigen Vorstellung, dass außen die sexuellen Gefahren lauern." "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer schreibt über die Täter, noch bevor sie bekannt sind: "Die Mehrheit sind Flüchtlinge von gestern bzw. Migranten und ihre Söhne. Die träumen davon, Helden zu sein wie ihre Brüder in den Bürgerkriegen von Nordafrika und Nahost - und spielen jetzt Krieg mitten in Europa."

Die konservative CDU-Politikerin Erika Steinbach hielt einst die Aufschrei-Debatte über Alltagsseximus für übertrieben und twittert nun nach Köln, Frauen könnten sich immer häufiger "nicht mehr an jeden Ort zu jeder Zeit wagen". Sie schreibt sich Frauenrechte auf die Fahnen, wie schon in der Asyldebatte. Damals konterte die junge Feministin und Kolumnistin Margarete Stokowski: "Nun gibt es konservative und rechte Politiker_innen, die Frauenrechte instrumentalisieren, um gegen den Islam Stimmung zu machen, nicht erst seit gestern."

Dass die sexuellen Übergriffe in Köln an vermeintlich sicheren Plätzen stattfanden und von vielen Männern gleichzeitig ausgingen, wird laut Frauenrechtlerin Wegener Einfluss haben auf die Ängste von Frauen - und zwar größeren als die Täterbeschreibung. Einen 100-prozentigen Schutz vor sexueller Gewalt gebe es nicht, sagt Wegener. Um zumindest die Furcht vor dem fremden Vergewaltiger abzubauen, sieht der Kulturwissenschaftler Michael Bongardt nur einen Weg: Einzig die Berührung mit dem Fremden könne verhindern, dass Abgrenzung in Hass umschlägt.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.