Ankara erhöht Druck auf Washington
"Gülen ausliefern"

"Falls ein Zehntel der gegen mich erhobenen Anschuldigungen zutreffen sollte, verpflichte ich mich, in die Türkei zurückzukehren und die härteste Strafe hinzunehmen." Zitat: Fethullah Gülen

Ankara erhöht den Druck auf Washington, Gülen auszuliefern. Aus Sicht der türkischen Regierung kann kein Zweifel bestehen, dass der Prediger für den Putschversuch verantwortlich ist. Gülen wehrt sich gegen die Vorwürfe - und fordert eine internationale Untersuchung.

Istanbul. Die von der Türkei geforderte Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen ist nach Ansicht der Regierung in Ankara eine politische Entscheidung der USA - mit weitreichenden Folgen für das künftige bilaterale Verhältnis. "Die juristischen Verfahren werden zu einem Ergebnis führen, aber am Ende wird die Entscheidung der US-Regierung eine politische Entscheidung sein", sagte Justizminister Bekir Bozdag am Freitag im zentralanatolischen Yozgat. "Und keine Auslieferung ist auch eine politische Entscheidung."

Bozdag warnte: "Ihn nicht auszuliefern, hieße in einem Fall wie diesem natürlich, die Freundschaft Fethullah Gülens über die Freundschaft der Türkei zu stellen." Es könne kein Zweifel bestehen, dass Gülen für den Putschversuch in der Türkei verantwortlich sei. "Die ganze Welt weiß, wer der Täter ist." Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte die USA bereits zuvor aufgefordert, eine Wahl zwischen ihrem Nato-Bündnispartner und Gülen zu treffen.

Prediger wehrt sich


Gülen wies die Anschuldigungen der Regierung in Ankara kategorisch zurück. "Ich fordere, dass eine internationale, unabhängige Kommission die Ermittlungen zu diesem Putschversuch führt", schrieb Gülen in der französischen Tageszeitung "Le Monde". "Falls ein Zehntel der gegen mich erhobenen Anschuldigungen zutreffen sollte, verpflichte ich mich, in die Türkei zurückzukehren und die härteste Strafe hinzunehmen." Die Behauptung, er habe aus 10 000 Kilometern Entfernung einen Putsch geführt, sei eine Verleumdung.

Eine in der Türkei festgenommene Deutsche ist inzwischen wieder frei. Die Frau sei am Freitag aus der Haft entlassen worden, teilte das Auswärtige Amt in Berlin mit. Der 48-Jährigen mit türkischen Wurzeln soll dem "Spiegel" zufolge eine Mitgliedschaft in der Gülen-Bewegung vorgeworfen worden sein. Die Ermittlungen zum Putschversuch ziehen inzwischen immer weitere Kreise: Die türkischen Justizbehörden ordneten die Festnahme des früheren Fußballstars Hakan Sükür und die Beschlagnahme seines Vermögens an.

Der in den USA lebende Ex-Nationalspieler wird beschuldigt, Gülen-Anhänger und damit Mitglied einer "Terrororganisation" zu sein, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Sükür hat sich in der Vergangenheit offen zu seiner Gülen-Sympathie bekannt.

Diplomaten auf der Flucht


Nach dem Putschversuch in der Türkei haben 32 Diplomaten und andere Mitarbeiter des Außenministeriums die von der Regierung angeordnete Rückkehr aus dem Ausland verweigert. 32 von 208 zurückgerufenen Mitarbeitern seien "auf unterschiedlichen Wegen in andere Länder geflohen", sagte Außenminister Mevlüt Cavusoglu am Freitag in Ankara. "Wir werden daran arbeiten, dass sie ausgeliefert werden."

Erdogan beklagte erneut eine angeblich mangelnde Solidarität der EU nach dem Putschversuch vom 15. Juli. Er hätte sich "gewünscht, dass Europa auf der Seite der Türkei steht", sagte er dem Sender RTL nach vorab veröffentlichten Auszügen des Interviews. "Genauso, wie man in Paris zusammengekommen ist, wie man dort kondoliert hat, hätte man auch in die Türkei sicherlich Vertreter schicken sollen." Seit dem Putschversuch hat kein einziger EU-Außenminister die Türkei besucht. Vergangene Woche hatte Erdogan kritisiert: "Der Westen hat sich auf die Seite der Putschisten gestellt."

Falls ein Zehntel der gegen mich erhobenen Anschuldigungen zutreffen sollte, verpflichte ich mich, in die Türkei zurückzukehren und die härteste Strafe hinzunehmen.Fethullah Gülen
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