Annäherung in Potsdam
Seehofers fast perfekte Merkel

Schwierige Beziehung: Angela Merkel und Horst Seehofer bei einer Pressekonferenz in Potsdam Bildkombo: dpa

Die Kanzlerin und der CSU-Chef gehen wieder gemeinsam einen Schritt nach vorn. Doch sie haben einen schweren Weg vor sich. Wie sie die Strecke bis zur Wahl 2017 schaffen, bleibt offen.

Potsdam. Horst Seehofer hat jetzt die perfekte Angela Merkel. Nicht mehr so überdimensional. Das gefällt dem CSU-Chef. Bei der Klausur der Unionsspitze in Potsdam am Wochenende - angesetzt zur Wiederannäherung nach erbittertem Flüchtlingsstreit - berichtet er über seine neue Errungenschaft. Seine bisherige Merkel sei größer als es dem Maßstab der Anlage entspreche - das solle so sein, denn schließlich sei sie die Chefin. Es geht um Seehofers Modelleisenbahn. Aber nun hat ihm ein Bürger eine "maßstabsgetreue und perfekte Angela Merkel" zugeschickt, schwärmt Seehofer. "Die behalte ich auch."

Brexit beherrscht Gedanken


Die perfekte Merkel wird die Kanzlerin für den Ministerpräsidenten im wirklichen Leben wohl nie werden. Die CDU-Vorsitzende wirkt am Samstag am Templiner See in Brandenburg ernst und distanziert. Sie scherzt nicht, sie lacht nicht. Vermutlich hat das mit dem Austritt der Briten aus der EU zu tun. Der Brexit erhöht noch einmal den Druck auf sie. Es richten sich alle Augen auf die Kanzlerin, die gemeinsam mit Frankreich für Stabilität und eine Weiterentwicklung der EU sorgen soll.

Sollte sie je vorgehabt haben, bei der Bundestagswahl 2017 nicht wieder anzutreten - jetzt wäre ein Verzicht noch schwieriger. Müsste Seehofer nun nicht betonen, dass Merkel weitermachen muss, um Deutschland und die EU zu stabilisieren? Er sagt nur dies: "Wir befinden uns über ein Jahr vor der Bundestagswahl." Deshalb könne er die Frage nicht beantworten. "Eine Europameisterschaft beginnt nicht mit dem Finale. Wir sind in der Gruppenphase und dann sehen wir weiter." Seehofers Bemerkung wird in der Union unterschiedlich gewertet. Die einen sagen, er habe nach dem Ärger jetzt nicht mit fliegenden Fahnen zu Merkel zurücklaufen können.

Aus dem CSU-Führungszirkel verlautet aber: Alles andere als eine Kandidatur Merkels wäre eine Katastrophe. Es gebe niemanden, der auch nur annähernd das Format für eine Kanzlerschaft hätte wie sie. "Wir müssen uns in der Alternativlosigkeit zusammenraufen", sagt einer, der Merkel und Seehofer für das ideale Paar an der Spitze hält: Merkel als die besonnene Staatsfrau mit hoher internationaler Anerkennung und Seehofer als der Querdenker, der den Finger in die Wunde legt und viele Wähler bei der Stange hält. Dafür müsse er unberechenbar bleiben. Wenn Seehofer seine Querschüsse einstellte, wären er und die CSU bundespolitisch so gut wie erledigt - was die CDU klar schwächen würde.

Nüchternes Resümé


Merkel sagt, die Unionsklausur zu den künftigen sechs Leitthemen Europa, Migration, Terrorbekämpfung, Digitalisierung, Umwelt und Zusammenhalt der Gesellschaft sei sehr ernsthaft, konstruktiv und wirklich interessant gewesen. Ihre Begeisterung scheint sich in Grenzen zu halten. Sie hat viele andere Sorgen.

Seehofer tut kund: "Ich bin rundum zufrieden. Wir haben jetzt eine gute Basis." Er und Merkel wüssten, dass sie eine ganze Menge zu bewegen hätten. "Und normalerweise wird es schwieriger je konkreter Politik wird. Da sind wir uns beide bewusst, dass wir noch einen langen und nicht immer einfachen Weg zu gehen haben." So könnte es wieder zu Verärgerung, vielleicht sogar zu einem Zerwürfnis kommen.

"Keinen Satz" habe es zum Flüchtlingsstreit gegeben, sagt Seehofer. Er ärgert sich, dass es immer heiße, seine Kritik perle an Merkel ab. "Die Politik hat sich verändert", betont er. Zum Schluss werden beide zum Brexit gefragt. Merkel antwortet und sagt auf Wiedersehen, bevor Seehofer reagieren kann. Er mahnt: "Wenn Du noch kurz warten willst ...." Man merkt, dass sie los will. Vermutlich ist sie in Gedanken in London, Brüssel, Paris, Berlin. Als Seehofer fertig ist, gibt sie ihm kurz die Hand und sagt nur "Tschüss". Dann ist sie weg.
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