Anschläge in Brüssel
Düstere Vorahnung?

Haben belgische Anti-Terror-Ermittler und die Politik versagt? Die Anschläge von Brüssel werfen drängende Fragen auf. Erst am Freitag hatte es eine Warnung aus Ankara gegeben - die heute wie eine düstere Prophezeiung klingt.

Brüssel. Wer die Warnungen hören wollte, konnte sie hören. "Wir sind mit extrem großen Netzwerken konfrontiert", hatte Frankreichs Präsident François Hollande am Freitag an der Seite von Belgiens Premierminister Charles Michel gesagt. Die Zahl derjenigen, die sich an der Vorbereitung der Pariser November-Anschläge beteiligt hätten, sei größer als angenommen. Da war gerade Salah Abdeslam gefasst worden. Jener 26 Jahre alte Mann, der seither als Mittäter und meistgesuchter Terrorist Europas galt. Derjenige, dem in Brüssel weitere Anschläge zugetraut worden waren.

Seit Dienstag steht fest, dass die Ermittler gescheitert sind - oder machtlos waren. In Brüssel, der "Hauptstadt Europas", sterben am Flughafen sowie in einer Metro-Station mitten im EU-Viertel Dutzende Menschen. Nur wenige hundert Meter entfernt hatten noch am Freitag die EU-Staats- und Regierungschefs einen neuen Flüchtlingspakt mit der Türkei ausgehandelt.

Zynisches Kalkül


Die Ereignisse machen klar, worauf Experten schon lange hingewiesen hatten: Auch mit Hunderten oder Tausenden zusätzlichen Sicherheitskräften lassen sich Anschläge dieser Art nicht verhindern. Selbst wenn Reisende bereits an den Eingängen von U-Bahnen oder Flughäfen kontrolliert würden. Niemand könne verhindern, dass sich Attentäter an anderen belebten Orten unter die Passanten mischen. Genau diesem zynischen Kalkül folgen seit einigen Monaten Terroristen in Israel.

Belgische Ermittler werden sich dennoch unangenehmen Fragen stellen müssen. Wie konnte es sein, dass Abdeslam in seiner als Islamistenhochburg bekannten Heimatgemeinde Molenbeek untertauchen konnte? In einer Wohnung, die nur wenige hundert Meter entfernt von seinem Elternhaus liegt? Warum wurde die Terrorwarnstufe trotz mutmaßlicher Anschlagspläne von Abdeslam nicht angehoben? All diese Fragen blieben am Dienstag zunächst unbeantwortet.

Bereits nach dem Anschlagsversuch auf den Thalys-Zug im August sowie den Pariser Attentaten auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" im Januar 2015 führten Spuren in den Großraum Brüssel. Schon im Mai 2014 hatte zudem ein Islamist im Jüdischen Museum in Brüssel vier Menschen erschossen. Auch er hatte in Molenbeek gelebt. Dann kamen die Anschläge am 13. November in Paris. "Ich stelle fest, dass es fast immer eine Verbindung nach Molenbeek gibt, dass es dort ein gigantisches Problem gibt", räumte Michel damals ein - und versprach zusätzliche Ressourcen für den Anti-Terror-Kampf und Anti-Radikalisierungs-Projekte. Mit einer Arbeitslosenquote von rund 30 Prozent und einem hohen Anteil kaum integrierter muslimischer Einwanderer gilt Molenbeek seit Jahren als Rückzugsgebiet einer abgeschotteten Parallelgesellschaft.

500 radikale Kämpfer?


Warum Belgien ein so großes Problem mit radikalen Islamisten hat? Einen Erklärungsversuch lieferte bereits im vergangenen Sommer der belgische Senator Alain Destexhe. "Im Namen der Religionsfreiheit und der Multikulturalität haben es die Behörden radikalen Gruppen viel zu lange erlaubt, sich zu entwickeln", schrieb er in einem Beitrag für die französische Tageszeitung "Le Figaro". Den wenigen Kritikern seien Stigmatisierungsversuche oder Islamophobie vorgeworfen worden. Aus keinem anderen EU-Land seien deshalb relativ gesehen so viele Menschen in den Bürgerkrieg in Syrien gezogen wie aus Belgien. Nach Schätzungen von Sicherheitsbehörden sollen es etwa 500 Kämpfer sein. Zumindest diese dürften auch für Anti-Radikalisierungs-Programme kaum mehr erreichbar sein.

Ähnlich wie Destexhe äußerte sich am Freitag der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. In Wut über eine von den belgischen Behörden tolerierte Kurden-Demonstration verglich er den Umgang der EU mit Terroristen mit einem "Tanz auf dem Minenfeld". Europa handle zu nachlässig. "Es gibt überhaupt keinen Grund, warum eine Bombe, wie sie in Ankara explodiert ist, nicht auch in Brüssel (...) oder jeder anderen europäischen Stadt explodieren würde." Das klingt heute wie eine düstere Prophezeiung.
Im Namen der Religionsfreiheit und der Multikulturalität haben es die Behörden radikalen Gruppen viel zu lange erlaubt, sich zu entwickeln.Der belgische Senator Alain Destexhe
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