Anti-Terror-Einsatz in Chemnitz
Was wir wissen und was nicht

Die Polizei sichert das Wohnhaus des Terrorverdächtigen in Chemnitz ab. Bild: dpa

Chemnitz. Bei einem Anti-Terror-Einsatz wird Sprengstoff in einer Chemnitzer Wohnung gefunden. Die Polizei fahndet bundesweit nach einem verdächtigen Syrer. In dem Fall drängen sich Fragen auf, vieles ist noch unklar.

Was wir wissen:


Hauptverdächtiger ist der Syrer Dschaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 in Sasa, einem Ort südlich von Damaskus. Er wurde schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet, zu ihm lagen "Erkenntnisse" vor. Der junge Mann kam vor einigen Monaten als Flüchtling nach Deutschland.

Der Hinweis auf die später vom Spezialeinsatzkommando gestürmte Wohnung kam am Freitag vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Der 22-Jährige soll in der Wohnung einen Bombenanschlag vorbereitet haben.

Als die Polizei den Großeinsatz vorbereitete, bewegte sich eine Person in dem noch nicht evakuierten Haus. Die Beamten erkannten Dschaber al-Bakr und gaben einen Warnschuss ab. Wegen der Möglichkeit, dass der Verdächtige Sprengstoff bei sich hat, gingen die Beamten nach Angaben des LKA nicht auf ihn zu. Sie nahmen an, dass er in die Wohnung zurücklief. Doch der Verdächtige entkam.

Mieter ist eine "Kontaktperson" des Flüchtigen, er soll allein dort gemeldet sein. Als gestürmt wurde, waren die Räume leer. Der Syrer wurde am Samstag am Chemnitzer Bahnhof festgenommen. Die Ermittler halten ihn für einen Komplizen des 22-Jährigen und ermitteln wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

In der Wohnung wurde etwa ein Kilogramm Sprengstoff gefunden. Die Behörden sprechen von "mehreren Hundert Gramm". Dabei handelt es sich nach "Bild"-Angaben um das hochexplosive TATP (Azetonperoxid), das auch bei Anschlägen in Brüssel und Paris verwendet worden war. Das Gemisch ist weitaus gefährliche als TNT. Das Material wurde in einem ausgehobenen Erdloch kontrolliert vernichtet. Die Detonation war noch in deutlicher Entfernung spürbar.

Zwei Landsleute des Gesuchten, die am Samstag in der Siedlung und am Hauptbahnhof festgenommen worden waren, kamen am Sonntag wieder frei. Der Verdacht, Kontakt zu dem flüchtigen Dschaber al-Bakr gehabt zu haben, bestätigte sich nicht.

Nach Dschaber al-Bakr wird bundesweit gefahndet. Die Behörden warnen, dass er gefährlich ist.

Für den Einsatz wurde der Wohnblock, in dem der Verdächtige geortet worden war, evakuiert. Rund 80 Menschen kamen bei Freunden und Verwandten unter oder warteten in einem Bus in der Nähe. Sie konnten in der Nacht zum Sonntag oder am Morgen in ihre Wohnungen zurück, während die etwa 20 Bewohner des Hauses mit der verdächtigen Wohnung ausharren mussten. Es blieb weiter gesperrt.

Was wir nicht wissen:


Es ist offen, ob der Verdächtige bewaffnet ist und Sprengstoff dabei hat und wenn ja, wie viel.

Handelte der Hauptverdächtige aus eigenem Antrieb, oder hatte er Hintermänner im Ausland? Nach dpa-Informationen soll er Kontakte zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) haben. Ein im September in Köln festgenommener 16-jähriger aus Syrien erhielt nach Ermittler-Angaben von einem Chatpartner im Ausland Anweisungen zum Bombenbau.

Über mögliche Anschlagsziele des Syrers aus Chemnitz ist bisher nichts bekannt. Weder der Verfassungsschutz noch die Polizei wollten sich zu einem "Focus"-Bericht äußern, wonach ein deutscher Flughafen angegriffen werden sollte.

Weshalb konnte der junge Mann letztlich entkommen, obwohl er seit längerem observiert wurde? Wie der 22-Jährige verschwinden konnte, ist ebenfalls offen. Vor dem Eindringen der Polizei in die Wohnung wurden Nachbarn gewarnt und zum Verlassen des Hauses aufgefordert. Angesichts der Tatsache, dass es um einen Sprengstoffverdacht ging, musste sensibel vorgegangen werden, sagte ein LKA-Sprecher. Warum die Wohnungstür aufgesprengt wurde - es gab laut Polizei eine Explosion - , dafür gibt es noch keine Erklärung.
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