Argentinier ein "Großer Europäer"
Papst Franziskus erhält Karlspreis

Gerade einmal vier Stunden brachte Papst Franziskus, der 2016 als großer Europäer geehrt wird, bisher auf dem Boden der EU außerhalb Italiens zu. Bild: dpa

Als Papst vom "anderen Ende der Welt" stellte sich Franziskus einst vor. Nun wird er als großer Europäer geehrt - obwohl er persönliche Ehrungen eigentlich gar nicht mag.

Vatikanstadt. Es scheint wie eine Ironie der Geschichte: Der erste nichteuropäische Papst seit 1300 Jahren erhält die renommierteste Auszeichnung für Verdienste um die Einheit Europas. Franziskus wird mit dem Aachener Karlspreis 2016 geehrt. Ausgerechnet der Argentinier, der so deutlich wie kein Vorgänger macht, dass der Alte Kontinent nicht mehr der Nabel der Welt ist.

In den bislang 30 Monaten seiner Amtszeit brachte er gerade mal vier Stunden auf dem Boden der EU außerhalb Italiens zu: bei seinem Besuch des Europaparlaments und des Europarats in Straßburg 2014. Dem Direktorium des Karlspreises ging es jedoch offenbar um Grundsätzlicheres. In einer Zeit, in der Europa vor der bislang größten Herausforderung des 21. Jahrhunderts stehe, gebe der Papst Millionen Europäern Orientierung dafür, "was die Europäische Union im Innersten zusammenhält", zitiert die Mitteilung vom Mittwoch den Vorsitzenden Jürgen Linden.

In seinen beiden Ansprachen in Straßburg nahm der Papst vor einem Jahr kein Blatt vor den Mund. Europa wirke alt, müde und kraftlos, sei wie eine "unfruchtbare Großmutter". Der Kontinent müsse nachdenken, ob "sein gewaltiges Erbe" ein bloßes museales Vermächtnis der Vergangenheit" sei oder ob es noch imstande sei, "die Kultur zu inspirieren und seine Schätze der gesamten Menschheit zu erschließen, so Franziskus.

Europa ein Bezugspunkt


Doch bei aller Kritik machten die Reden auch deutlich, dass der Wagner-Fan und Hölderlin-Leser Europa keineswegs aufgegeben hat. Jenes Europa, "das auf sicherem, festem Boden" voranschreite, sei "ein kostbarer Bezugspunkt für die gesamte Menschheit". Es sei die Stunde gekommen, gemeinsam ein Europa aufzubauen, das sich nicht nur um die Wirtschaft drehe, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person.

Franziskus' Botschaft für Europa ist in jedem Fall unbequem. Der Sohn italienischer Einwanderer wird nicht müde, die fortwährenden Flüchtlingstragödien im Mittelmeer als Versagen des Kontinents anzuprangern. Eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit" kritisierte er 2013. Doch er mahnte auch eine solidarische Verteilung der Lasten unter den Staaten an. Zuletzt forderte er in der vergangenen Woche veröffentlichten Botschaft zum Weltfriedenstag (1. Januar) ein Überdenken ihrer Einwanderungsgesetze und eine bessere Integration der Migranten.

Eigentlich nimmt Franziskus keine Ehrungen an. Doch dann überreichte ihm Staatspräsident Evo Morales in Bolivien im Sommer zwei Orden, die er nicht ablehnte. Der eine war die höchste Ehrung des Landes; der andere war dem Gedenken an den ermordeten Jesuiten Luis Espinal gewidmet. Er sei vom Grundsatz abgewichen, weil so viel guter Willen dahintergestanden und es sich um eine Auszeichnung des Volkes gehandelt habe, so Franziskus.

Da konnte er nun den Karlspreis schlecht ausschlagen - zumal ihn auch bereits 2004 Johannes Paul II. (1978-2005) im Vatikan entgegengenommen hatte. So überraschte es nicht, dass der Vatikan kurz nach Bekanntgabe der Ehrung die Annahme des Preises bestätigte. Franziskus nehme ihn als Ermutigung für Europa an, für den Frieden zu arbeiten", teilte der Vatikan mit.
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