Auf dem Grünberg bei Eger
Ein vergessener Turm

Inzwischen wieder beliebtes Ausflugsziel ist der Bismarck-Turm. Er wurde am 12. Juni 2005 mit einem gemeinsamen Fest der Nachbarstädte Cheb und Waldsassen der Bevölkerung wieder zugänglich gemacht. Etwa 1200 Menschen wanderten an diesem Tag auf den Grünberg, um auf den Bismarckturm zu steigen und einen freien Blick nach Ost und West zu genießen. Bild: gjb
 

Es ist kaum zu glauben, dass ein 18 Meter hoher Turm auf einem 638 Meter hohen Berg in Vergessenheit geraten kann. Wenn dieser Turm außerdem nur 4 Kilometer von einer Stadt entfernt ist, scheint dies absurd und unmöglich zu sein.

Cheb/Eger. Die tragische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ließ es dennoch dazu kommen. Der Bismarckturm auf dem Grünberg war für lange Zeit den Einwohnern von Cheb/Eger völlig unbekannt.

Im Dornröschenschlaf


Der Grünberg befand sich nach den geschichtlichen Ereignissen in den vorangangenen Jahrzehnten auf militärischem Sperrgebiet. Die Orte Oberpilmersreuth und Oberkunreuth, sowie die Wallfahrtskirche St. Anna wurden zerstört. Der Bismarckturm blieb erhalten: Von hier hatte man einen weiten Blick über den "Eisernen Vorhang" und auch nach Osten.

Die neuzugezogenen Einwohner von Cheb durften das Sperrgebiet nicht betreten. Deshalb wusste niemand von der Existenz des Bauwerks. Als 1973, nur 200 Meter entfernt, ein 60 Meter hoher Fernsehturm errichtet wurde, verschwand der Bismarkturm immer mehr hinter hohen Bäumen. Nur noch die Grenzsoldaten und die Techniker am Fernsehturm kannten den Turm aus dem Jahre 1909. Er verschwand auf den Landkarten und man glaubte, er sei abgerissen worden. Erst im Jahre 2001 wussten alle Bewohner von Cheb (Eger), dass es auf dem nahe gelegenen Grünberg einen Bismarckturm gibt. Die Stadt kaufte das Grundstück und sanierte das Bauwerk für 2,0 Millionen Kronen. Auch mussten viele Bäume gefällt werden, um wieder eine gute Aussicht zu ermöglichen. (Info-Kasten)

Bis 1934 wurden in Deutschland 240 Bismarcktürme errichtetAm 3. Oktober 1909 war ein Festzug von mehreren Tausend Bürgern vom Egerer Marktplatz auf den Grünberg gewandert, um in einer Feierstunde den Bau des Turmes - und mit ihm Otto von Bismarck - zu würdigen. Eine derartige Verehrung wäre nur wenige Jahre zuvor nicht vorstellbar gewesen. Als Bismarck im Jahre 1890 von Kaiser Wilhelm II. als Reichskanzler entlassen wurde, hatte Theodor Fontane noch geschrieben: "Es ist ein Glück, dass wir ihn los sind." Der ehemals führende Staatsmann Europas galt nach 28 Jahren nur noch als engstirnig, starrsinnig und realitätsfern. Bismarck hatte die öffentliche Meinung allerdings kaum jemals interessiert: "Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie". Mit seinem strengen und unnachgiebigen Regiment (etwa gegenüber Katholiken und Sozialdemokraten), hatte er sich viele Feinde gemacht. Schon bald nach seiner Entlassung aber vermisste man den "Eisernen Kanzler" - und sein Ansehen in der Bevölkerung wandelte sich völlig: Man verehrte ihn als Begründer der nationalen Einheit in dem von ihm geschaffenen Deutschen Kaiserreich. Bis 1934 wurden in Deutschland 240 Bismarcktürme errichtet. Der Turm auf dem Grünberg bei Eger, nahe der deutschen Grenze, war aber auch ein Denkmal zu Ehren des Siegers der Schlacht bei Königgrätz. Deshalb galt er als eine Provokation gegen die k. und k. Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn. Vermutlich deshalb blieb der Bismarckturm nach 1918 in der Tschechoslowakei unangetastet. Den Lauf der Geschichte bis 1938, den "Anschluss" des Sudetenlandes, konnte man damals noch nicht erahnen. Im Jahre 1948 aber war ein schrecklicher Krieg verlorengegangen, die deutsche Bevölkerung aus Eger vertrieben und ein kommunistisches System hatte sich durchgesetzt. (gjb)
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