Auf dem Weg zur Übermutter

Die CDU-Vorsitzenden seit 1950: oben von links Konrad Adenauer (Vorsitzender von 1950 bis 1966), Ludwig Erhard (1966-1967) und Kurt Georg Kiesinger (1967-1971), unten von links Rainer Barzel (1971-1973), Helmut Kohl (1973-1998) und Wolfgang Schäuble (1998-2000). Rechts Angela Merkel, CDU-Chefin seit April 2000. Bilder: dpa

Einst als Übergangskandi-datin unterschätzt, inzwischen als Führungsfigur in Europa gefeiert: Die Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel führt ihre Partei mittlerweile länger als deren prominenter Mitbegründer.

Konrad Adenauer war 90 Jahre alt, als er 1966 den CDU-Vorsitz an Ludwig Erhard abgab. 5633 Tage hatte er die damals junge Partei geführt, zu deren Mitbegründern er zählt. Am Samstag, 12. September, wird Angela Merkel einen Tag länger als Adenauer an der Spitze der Christdemokraten stehen. Sie ist 61 Jahre alt, seit fast zehn Jahren Regierungschefin, politisch stark wie nie. Ein Karriere-Ende? Nicht absehbar. Was von ihrer Ära hauptsächlich in Erinnerung bleiben wird, ist noch nicht ausgemacht. Ihre nun im Ausland als vorbildhaft gelobte Flüchtlingspolitik hätte das Potenzial dazu.

Freunde wie Feinde trauen ihr noch alles zu. Das heißt: Adenauers 14-jährige Amtszeit als Kanzler übertreffen und sogar Helmut Kohl einholen, den Rekordkanzler, der 16 Jahre regierte und für einige Parteimitglieder trotz Spendenaffäre noch der CDU-Übervater ist. Dafür müsste Merkel zur Bundestagswahl 2017 erneut antreten, gewinnen und die volle Legislaturperiode durchmachen.

Derzeit mag man sich in der CDU gar nichts anderes vorstellen, als dass es Merkel noch einmal für die Union reißen wird. Ausgerechnet die Frau aus der DDR, die Pfarrerstochter, die Physikerin. Die, die oft als spröde, emotionslos und kühl gilt. Die Kinderlose, in zweiter Ehe Verheiratete, die in der CDU erst spöttisch und dann später anerkennend "Mutti" genannt wird. Und jetzt, da sie die deutschen Tore für Kriegsflüchtlinge weit aufgestoßen hat, rufen Hilfesuchende fremder Kulturen "Mama". Merkel auf dem Weg zur Übermutter.

"Terminator", "Eiskönigin"

"Das ficht mich nicht an", sagt Merkel gern, wenn sie verunglimpft wird. Politiker müssten das aushalten können. So wie sie auf Plakaten mit Hitler-Bärtchen abgebildet wurde, weil sie einen harten Sparkurs für Griechenland durchsetzte. Oder im Ausland für "gefährlich" gehalten, als "eiserne Deutsche" oder "Terminator" - und im Inland als "Eiskönigin" be- titelt wurde.

Nun aber hat Merkel in wenigen Tagen mit einer großzügigen Flüchtlingspolitik Deutschland zum Vorbild in der Welt macht. Weil es schon seit längerem nicht mehr der deutschen Wirklichkeit entsprach, syrische Flüchtlinge von hier aus nach dem sogenannten Dublin-Abkommen in das Land zurückzuschicken, wo sie erstmals EU-Boden betraten, setzte Deutschland die Regelung aus. Merkel will deutsche Flexibilität statt deutsche Gründlichkeit.

Die Menschen in und außerhalb Deutschlands sind begeistert. Im Internet regnete es postwendend syrische Liebesbotschaften an Merkel. Gedichte wurden ihr geschrieben, man pries sie als "mitfühlende Mutter". Kurze Zeit später hatten in Ungarn angekommene Flüchtlinge nur ein Ziel: "Germany", "Merkel". Ein Mann im Rollstuhl hielt einen Zettel hoch. Darauf stand: "Merkel please help me." In Deutschland machten sich Bürger zu den Bahnhöfen auf, um Flüchtlinge jubelnd zu begrüßen. Flexibel, motiviert, unbürokratisch.

Noch nie hat Merkel öffentlich so viel Zuneigung erfahren. Wie sieht es da in ihrem Innersten aus? "Ich finde das schon durchaus bewegend", bekennt Merkel. Ist ihr das nicht unheimlich, dass sich alles auf sie konzentriert? Ihre Antwort: "Ich bilde mir nicht ein, dass es nur um mich geht, sondern dass es um das Land geht, um die Menschen, um die vielen, die am Bahnhof stehen, um die vielen, die begrüßen", sagt sie am Montag nach einem, wie sie sagt, "atemberaubenden" Wochenende neuer deutscher Willkommenskultur.

Die Bevölkerung kennt Merkel seit langem als uneitel und unprätentiös. Sie gilt als unbestechlich. Geld interessiert sie nicht so sehr. Sie verdiene genug, hat sie einmal gesagt. Auf etwa 300 000 Euro wird das Jahresgehalt geschätzt, das die Regierungschefin für ihre Verantwortung für rund 80 Millionen Menschen bekommt. Ein Bruchteil der Summen von Firmenbossen mit einigen Tausend Beschäftigten. Ihr Lohn sei die Macht, soll Merkel einmal gesagt haben. Die Macht, dass es am Ende so gemacht wird, wie sie es will.

Reif fürs Geschichtsbuch

Im November ist Merkel zehn Jahre Bundeskanzlerin. Ins Geschichtsbuch kommt sie schon aufgrund der reinen Fakten: Als erste Frau, als erste Ostdeutsche an der Spitze der im Westen groß gewordenen Volkspartei CDU und erste Bundeskanzlerin. Inhaltlich wird hängen bleiben, dass die Protestantin die CDU weit in die politische Mitte gerückt hat: Atomausstieg, Ende der Wehrpflicht, modernes Familienbild.

Schafft es Merkel mit ihrer Großen Koalition jedoch nicht, dass Migranten massenhaft in Deutschland integriert werden, könnte die jetzt noch so offenherzige und hilfsbereite Stimmung in der Bevölkerung kippen. Damit wäre Merkels Wiederwahl 2017 gefährdet. So wie die Chance, Adenauer und Kohl zu überrunden.
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