Augen und Ohren der Menschheit für die Klimaforschung
Klima-Turm im Urwald

Projektkoordinator Reiner Ditz vom Max-Planck-Institut Mainz besteigt den 325 Meter hohen Atto-Forschungsturm. Bild: dpa

Atto ist etwa so hoch wie der Frankfurter Fernmeldeturm, steht mitten im Urwald und überragt die riesigen Bäume bei weitem. Der Turm gehört zu den "Augen und Ohren" der Menschheit, was die Klimaforschung angeht.

São Sebastião do Uatumã. Letzte Chance, den tropischen Wald gründlich zu studieren, bevor der Klimawandel voll zuschlägt: Dabei soll der Atto-Turm helfen. Er steht im brasilianischen Urwald und ist 325 Meter hoch. Deutsche Forscher wollen dort unter anderem Treibhausgase und Luftströmungen messen. Es gebe große Wissenslücken über das Verhalten der tropischen Wälder im Klimawandel, sagte Wolfgang Lucht, Abteilungsleiter Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) im Interview.

Warum braucht es neben vieler anderer Messstationen diese Türme?

Wolfgang Lucht: Große Messtürme wie das Atto-Observatorium in Brasilien sind ein wichtiger Teil der "Augen und Ohren" der Menschheit auf den Zustand der Erde insgesamt. Gerade zum Verhalten der tropischen Wälder im Klimawandel bestehen erhebliche Wissenslücken. Die sind jedoch eine der wichtigsten Ökosysteme der Erde und nicht nur für die Regulierung des Klimas, sondern auch wegen seiner Artenvielfalt relevant. Messdaten von Atmosphäre, Boden und Vegetation sind für Computermodelle nötig, die die Zukunft der tropischen Ökosysteme untersuchen.

Was können Sie über die Rolle der Wälder fürs Klima herausfinden?

Einige der geplanten Messungen betreffen Prozesse mit großen Unsicherheiten in unserer Analyse des Erdsystems. Was geschieht mit den Bäumen, wenn die Kohlendioxidkonzentration der Atmosphäre ansteigt? Es ist wichtig, Messdaten über das riesige, artenreiche Waldterritorium zu erhalten, damit wir diese mit Daten in Zukunft unter dann veränderten Bedingungen vergleichen können. Es besteht heute eine letzte Chance, die Funktionen des tropischen Waldes gründlich zu studieren, bevor sich vieles dort verändert.

Wozu das viele Geld für die Forschung, wenn man bereits weiß, dass es den Klimawandel gibt?

Es ist völlig richtig, dass wir schon genug über den Klimawandel wissen, um zu handeln. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir schon alles wissen, was wir wissen sollten. So wird seit beinahe 20 Jahren diskutiert, ob der Regenwald des Amazonas durch zunehmende Dürre in einen bedrohlichen Niedergang geraten könnte. Dieser könnte durch veränderte Strömungsmuster in der Atmosphäre ausgelöst werden. Es gibt einerseits Hinweise darauf, dass ein solcher Umschlag tatsächlich nicht mit der notwendigen Sicherheit ausgeschlossen werden kann. Andererseits gibt es Studien, die auf eine gewisse Widerstandsfähigkeit des tropischen Waldes hinweisen.

Und was bringt uns das?

Wenn die Auswirkungen des Klimawandels nicht kontinuierlich verlaufen, sondern solche kritischen Kipp-Punkte enthalten, müssen wir uns darauf einstellen und erst recht sicherstellen, dass der Klimawandel gar nicht erst bis zu diesem Punkt voranschreitet. Die Erde ist noch komplizierter, als vielen bewusst ist, und deshalb gilt: Man muss beides tun, die Erde weiter erforschen und gleichzeitig handeln. Obwohl es um das Schicksal ganzer Regionen geht, sind die Summen, die dafür ausgegeben werden, heute noch moderat.
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