Bald kommt die Kälte

Viele sind Monate auf ihrer oft lebensgefährlichen Flucht nach Westeuropa unterwegs. Der erste Tag mit Herbstwetter lässt Tausende Flüchtlinge in Serbien noch mehr ins Elend rutschen.

Es hat den ganzen Tag geregnet. Und die ganze Nacht. Der Starkregen hat erst am Freitagvormittag aufgehört. Es ist der erste Herbsttag in der serbischen Hauptstadt Belgrad. Wochenlang war das Thermometer bis auf 40 Grad gestiegen. Jetzt zeigt es nicht einmal 15 Grad. Der Park am Busbahnhof hat sich in eine Matsch-Landschaft verwandelt. Und Hunderte Flüchtlinge - viele mit kleinen Kindern - wirken jetzt noch verzweifelter.

Keine passende Kleidung

Die meisten Flüchtlinge, die Mehrzahl aus Syrien, aber auch viele aus Afghanistan und Pakistan, sind überhaupt nicht auf den Wettersturz eingestellt. Viele tragen trotz des Schmuddelwetters halblange Shorts, Badelatschen und luftige Hemden. Überall Nässe, Morast und Dreck. Belgrad ist ein wichtiges Drehkreuz auf der Balkanroute über die Türkei, Griechenland, Mazedonien bis nach Ungarn und dann nach Österreich und Deutschland.

Der nahende Herbst hält die Flüchtlinge nicht von ihrer gefährlichen Reise ab. Am Vortag sind in Mazedonien aus Richtung Griechenland 7000 Menschen angekommen, berichten Helfer. Eine rekordverdächtige Zahl. Die Helfer berichten aber auch von dramatischen Verhältnissen. Wegen Kälte und Regenwetter. Aber auch wegen des brutalen Vorgehens von Grenzpolizisten, die nur kleinen Gruppen den Grenzübertritt erlaubten. In Serbien sind am Donnerstag 5540 Flüchtlinge eingetroffen, sagt Regierungschef Aleksandar Vucic. Auch das ein Rekord für einen einzigen Tag. "Wir schätzen, dass sich im Moment 12 000 Flüchtlinge in Serbien aufhalten", berichtet die Sprecherin des Flüchtlingshilfswerk UNHCR, Melita Sunjic, am Freitag in Belgrad. All diese Menschen hoffen, es in einigen Tagen nach Österreich, Deutschland, Holland oder Skandinavien zu schaffen. Bisher seien es allein auf dieser Route eine viertel Million Menschen in diesem Jahr gewesen, sagt Sunjic.

Im Belgrader Park am Busbahnhof suchen Hunderte Flüchtlinge in einer öffentlichen Garage Schutz vor dem Herbsteinbruch. Oder haben kleine Campingzelte aufgestellt. Der beste Ort dafür scheint unter dem Vordach des Busbahnhofs zu sein, weil das zusätzliche Deckung bietet. Doch dort haben nur wenige Zelte Platz. Also lagern die Menschen auch einfach auf dem schlammigen Boden. Einige wenige haben als Sitzunterlage eine Decke des UNHCR ergattern können.

Ruf nach der Polizei

Das Rote Kreuz hat mitten im Park ein Zelt aufgestellt. Dort wird wärmere Kleidung bereitgehalten. Den Helfern gelingt es kaum, die Massen zu beruhigen. Eltern drängen ihre schmutzverschmierten Kleinkinder, sich durch kleine Lücken der Absperrgitter zu mogeln. Die Lage droht immer wieder zu entgleisen. Helfer rufen nach der Polizei. Nach nur einer Stunde sind die Kleidervorräte erschöpft, auch wenn ein Belgrader drei Tüten mit Nachschub bringt.

In Mazedonien und Serbien gibt es Pläne für feste Unterkünfte. Aber beide Länder sind arm und haben wenig Erfahrung mit der Organisation solcher Blitzaktionen. Und die Hilfe aus der EU dafür fließt auch nicht gerade üppig. Noch versuchen deshalb einige Länder, mit neuen Repressionsmaßnahmen der Flüchtlingskrise Herr zu werden. Ungarn, dessen 175 Kilometer langer Zaun bisher wenig gebracht hat und der deshalb mit Hochdruck aufgerüstet wird, hat 3800 Soldaten an die Grenze zu Serbien abkommandiert. Und Mazedoniens Außenminister Nikola Poposki hat einen ähnlichen Zaun an der Grenze seines Landes zu Griechenland ins Spiel gebracht.
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