Balsam für die Basis

Derzeit erweckt die CDU-Vorsitzende Angela Merkel den Eindruck, sie wolle auch nach dem Jahr 2017 deutsche Regierungschefin bleiben - allerdings ohne die SPD. Bild: dpa

Angela Merkel hält in Köln eine selten lebendige Rede. Kein Hauch von Schwäche, die am Montag kurzzeitig für Schlagzeilen sorgte. Die SPD weiß nun, dass der lange Rest der Wahlperiode mit der CDU-Chefin kein Spaziergang wird.

Von Schwäche keine Spur. Aber die Macht hat ihre Spuren hinterlassen. Im Gesicht von Angela Merkel, in ihrer Politik als Bundeskanzlerin und ihrem Selbstbewusstsein als CDU-Vorsitzende. Merkels Lippen sind über die Jahre ihres Aufstiegs zur mächtigsten Frau der Welt schmal geworden. Ihre Bemerkungen können schneidend sein und mit Blicken verteilt sie Gunst und Missgunst. Am Vorabend des CDU-Parteitags in Köln wird ihr so schlecht, dass sie ein Interview unterbrechen muss. Schwächelt sie? Es hat nicht den Anschein. Selten hat sie eine solch lebendige Rede gehalten wie am Dienstag, dem Tag ihrer achten Wiederwahl zur CDU-Chefin.

Eigentlich ist Merkel keine gute Rednerin. Aber in den 80 Minuten in Köln liefert sie das, was Christdemokraten hören wollen. Rot-Rot-Grün in Thüringen eine Bankrotterklärung, im Bund dürfe die Union der SPD von Sigmar Gabriel deshalb nicht trauen. Die FDP sei der natürliche Koalitionspartner der Union. Die Grünen: eine Koalitionsoption. Aber 2013 hätten sie die Chance vertan. Breitseite gegen die SPD, den Koalitionspartner, der sich im ersten Jahr der gemeinsamen Regierung mit Erfolgen wie beim Mindestlohn, der Rente ab 63 und der Frauenquote als Motor von Schwarz-Rot präsentierte. Die Union bleibt hingegen monothematisch bei solider Finanzpolitik.

Zehn Minuten Applaus

Dass die Delegierten Merkels Rede am Ende mit rekordverdächtigen zehn Minuten stehend beklatschen, liegt wesentlich auch an dem Teil ihrer Rede, der an die Partei gerichtet ist. Deutschland sei nach neun Jahren ihrer Regierung in bester Verfassung, der Haushalt ohne neue Schulden, die Industrie kräftig, die Arbeitslosenquote niedrig, die Familien gestärkt. Kurzum: "Die CDU tut Deutschland gut." Da wird dann Merkel-Gegnern ein bisschen übel.

Dann noch pure Emotion für die Partei. Sie nennt alle Kabinettsmitglieder der CDU beim Namen und schreibt ihnen große Verdienste zu. Sie dankt der Unionsfraktion, der Parteizentrale, den CDU-Leuten im Kanzleramt, sie nennt die CDU-Ministerpräsidenten und Landesvorsitzenden. Keiner soll leer ausgehen. Auch die CSU und deren für Merkel oft schwieriger Parteichef Horst Seehofer nicht. Alle werden umarmt. Selbst Helmut Kohl - mit dem Merkel in der CDU-Spendenaffäre brach. Merkel würdigt ihn als den Kanzler der Einheit. Der Parteitag jubelt.

Kurz kann man den Eindruck haben, Merkels Wahlergebnis werde an 100-Prozent-Ergebnisse der DDR oder des ersten CDU-Vorsitzenden Konrad Adenauer anknüpfen, der einst auch 100 Prozent bekam. Doch der Kongress wählt Merkel mit 96,7 Prozent. Vor zwei Jahren waren es noch 97,9 Prozent. Nun also nur das zweitbeste Ergebnis für Merkel, seit sie 2000 das Amt übernahm.

So stark die CDU im Bund auch ist, so sehr kränkelt sie in den Ländern. Mitglieder schwärmen von Zeiten, als die Union noch elf Ministerpräsidenten hatte - plus CSU-Regentschaft in Bayern. Heute sind es vier plus eins: Annegret Kramp-Karrenbauer im Saarland, Volker Bouffier in Hessen, Reiner Haseloff in Sachsen-Anhalt und Stanislaw Tillich in Sachsen sowie Seehofer für die CSU in Bayern. Die Grünen sind in acht Ländern an der Regierung beteiligt - und damit in zwei mehr als die CDU. In deren Traditionsland Baden-Württemberg stellen die Grünen seit 2011 den Ministerpräsidenten.

Dass Merkel international hohes Ansehen genießt und als mächtigste Frau der Welt gilt, macht der SPD und der Opposition das Leben schwer. Viele erkennen zwar an, dass Merkel viel für das Ansehen Deutschlands leiste. "Joschka Fischer und Otto Schily wären bei dem heutigen Verhalten von Russlands Präsident Putin längst ausgetickt", sagt ein Grüner. Merkels Nüchternheit sei klug. Viele finden aber, ihr sei die Rolle in der Welt "zugewachsen". Sie entwerfe keine Bilder, keine Visionen, die sie zielstrebig verfolge. Sie sei eine kühle Handwerkerin. Über Parteigrenzen hinweg wird aber geschätzt, dass sie eine "ideologiefreie" Politik mache und sich dem Freiheitsgedanken verpflichtet fühle.

Seit 24 Jahren

An den Mauerfall knüpft Merkel zum Schluss ihrer Rede noch einmal an. Sie erzählt etwas von sich. Wie sie vor 24 Jahren auf dem Vereinigungsparteitag der CDU in Hamburg von Kohl aufgefordert wird, eine Rede zu halten. Sie, die Naturwissenschaftlerin aus der DDR, vom Demokratischen Aufbruch. Reden solle sie aber nicht über Politik, sondern über sich. "Sprich lieber über dich und deine Biografie." Sie sagt: "Ich hatte blanke Panik. Alles war neu und ungewohnt." Merkel erinnert sich noch, dass sie damals sagte: "Ich freue mich auf eine gemeinsam Arbeit und ich bin auf den gemeinsamen Weg gespannt." Das ist 24 Jahre her.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.