Bedrohte afghanische Helfer der Bundeswehr bekommen Schutz in Deutschland
Ortskräfte fern der Heimat

Berufssoldat Marcus Grotian (links) vom Verein "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" hilft den Afghanen in Deutschland. Bild: dpa
Sie sind hier, ohne es wirklich zu wollen. Die Afghanen Ali und Abdul (Namen von der Redaktion geändert) haben für die Deutschen gearbeitet und sind deswegen von den Taliban bedroht worden. Nun sitzen sie in einer Flüchtlingsunterkunft in Berlin. Hier sind sie in Sicherheit, aber weit weg von ihrer Heimat, für deren Zukunft sie kämpfen wollen.

Ali spricht nahezu perfekt Englisch. Der 25-Jährige hat fast fünf Jahre lang für die Bundeswehr in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan übersetzt: zwischen Dari und Englisch, aber auch zwischen afghanischer und deutscher Kultur. Für die Bundeswehr unverzichtbar, sagt Thomas Kolatzki, Sprecher des Einsatzführungskommandos: "Bei Kontakten mit der afghanischen Bevölkerung und den Sicherheitskräften hätten wir ohne die Übersetzer nicht viel erreichen können. "

Von Taliban bedroht

Für Ali war das eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, vor allem aber: seinem Land zu dienen. "Mir war klar, dass Isaf den afghanischen Sicherheitskräften hilft, Frieden und Sicherheit nach Afghanistan zu bringen", sagt er. "Deshalb habe ich es als meine Pflicht angesehen, mich zu beteiligen." Sobald er kann, will er zurück. Doch schon 2010 drohten die Taliban, jeden zu töten, der für die Isaf arbeitet. Später wurde Ali vom afghanischen Geheimdienst gewarnt: Die Taliban hätten ihn als Bundeswehr-Mitarbeiter identifiziert, dazu sein Nummernschild sowie seine Adresse. Das meldete Ali im Bundeswehr-Lager Camp Marmal bei Masar-i-Scharif und kam im April vor einem Jahr mit einem Koffer voll Kleidung in einem Übergangswohnheim für Flüchtlinge in Berlin an.

Abdul hat fast drei Jahre als Übersetzer für die deutsche Polizei gearbeitet, die in Afghanistan auf Ausbildungsmission war. Auch er wurde bedroht. Der 28-Jährige ist seit Oktober zusammen mit seiner Frau hier. Ali und Abdul haben in Afghanistan studiert, hatten gut bezahlte Jobs und eigene Wohnungen. In Berlin fangen sie bei Null an: Über einhundert Mietwohnungen hat Ali hier angeschaut - ohne Erfolg.

Patenprogramm gestartet

Um den Start ihrer ehemaligen Helfer in Deutschland zu erleichtern, hat die Bundeswehr im Januar ein Patenschaftsprogramm gestartet: Soldaten sollen den Afghanen helfen - etwa bei der Wohnungssuche, beim Ämtergang oder beim Deutschkurs. "Wenn Sie versuchen, bei Jobcenter, Wohnungsfürsorge und Wohnungsamt herauszufinden, wer für was verantwortlich ist und was bezahlt, da wären Sie schon als Deutscher nach sechs Wochen kurz davor, aufzugeben", sagt Marcus Grotian. Der 37-jährige Berufssoldat war für die Bundeswehr in Afghanistan und nimmt an dem Programm teil. "Sie haben Schulter an Schulter mit uns gekämpft, sie waren in der gleichen Gefahr wie wir." Während die Soldaten nach dem Einsatz in ihren Alltag in Deutschland zurückkehren konnten, mussten die Afghanen den ihren zurücklassen.

Grotian sieht die deutsche Gesellschaft in der Verantwortung und hat Anfang Mai den Verein "Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte" gegründet, über den sich Afghanen und Paten bundesweit vernetzen und über Probleme austauschen können.

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Weitere Informationen im Internet:

patenschaftsnetzwerk.de
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