Bilanz des Jahres der Orden
Obere ziehen ermutigende Bilanz

Das Kloster Speinshart ist in den 1920ern von den Praemonstratenser-Chorherren wieder errichtet worden. Heute leben dort neun Brüder im Alter zwischen 20 und 84 Jahren. Bild: do
Politik DE/WELT
Deutschland und die Welt
19.01.2016
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Der Vorsitzende der Deutschen Ordenobernkonferenz, Abt Hermann-Josef Kugler ist Abt der Prämonstratenserklöster Windberg und Roggenburg und Administrator des Klosters Speinshart. Seine Stellvertreterin Schwester M. Regina Pröls ist Generaloberin der Franziskusschwestern in Vierzehnheiligen. Bild: Orden

Am 2. Februar endet das von Papst Franziskus ausgerufene "Jahr der Orden". Der Vorsitzende der Deutschen Ordensobernkonferenz, Abt Hermann-Josef Kugler, und seine Stellvertreterin, Schwester M. Regina Pröls, Generaloberin der Franziskusschwestern in Vierzehnheiligen, ziehen Bilanz.

Abt Hermann-Josef, Schwester Regina, das "Jahr der Orden" geht zu Ende. Was hat es gebracht?

Kugler: Ich war sehr erfreut und auch überrascht, wie breit das Thema, das der Papst gesetzt hat, an der Basis angekommen ist. Es ist erstaunlich, wie viele Aktionen und Projekte es gegeben hat. Dabei habe ich immer eine große Wertschätzung den Orden gegenüber gespürt. Wenn es darum geht, die Orden wieder mehr in den Blick zu nehmen - wir sind in der katholischen Kirche ja doch eine recht kleine Gruppe - dann konnte ich das im vergangenen Jahr deutlich spüren.

Sr. Regina: Ich habe eine Bewusstseinsbildung und einen großen Informationsdurst beobachtet. Wir konnten bei vielen Gelegenheiten über unser Ordensleben berichten, auch in Fernsehsendungen. Vielen Laien war es ein Bedürfnis, für uns Ordensleute zu beten - dieser Rückenwind tut uns gut.

Konnten die Orden auch vom "Franziskus-Effekt" profitieren?

Kugler: Es ist auf jedem Fall ein Wohlwollen da. Auch Menschen, die mit Kirche weniger am Hut haben, sind von der Persönlichkeit unseres Papstes beeindruckt - das ist schon mal eine Brücke zu diesen Menschen. Das kann ein erster Schritt sein, sich mit dem Glauben und mit dem Leben in einer geistlichen Gemeinschaft zu befassen. Intern haben wir es als Ermutigung und Bestärkung empfunden, was der Papst an Dokumenten veröffentlicht und gepredigt hat.

Erleben Sie Papst Franziskus als einen der Ihren?

Sr. Regina: Auf jeden Fall. Bei diesem Papst spürt man, dass er Ordensmann ist. Er weiß, wie es bei uns im Kloster zugeht. Und er weiß, dass es eben auch mal zu Konflikten kommt. Mir gibt es das gute Gefühl: Da ist ein Mann, der versteht uns und macht kein Drama draus, wenn es mal nicht so rund läuft.

Neben einer Werbung für das Ordensleben sollte es auch um eine kritische Selbstbestimmung der Gemeinschaften auf ihre Aufgaben gehen. Wo stehen die Orden heute?

Kugler: Wir befinden uns in einem Wandel. Die Orden sind in dieser Umbruchszeit unterschiedlich weit fortgeschritten. Es braucht Mut, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen. Dinge, die man in der Vergangenheit mitgetragen hat, müssen vielleicht beendet werden, um zu sagen: Wir machen einen Schnitt, fangen neu an und schauen, was die Zeichen der Zeit sind und wohin der Geist Gottes uns führen wird.

Wo sehen Sie diese Zeichen?

Kugler: Darauf muss zunächst jede Gemeinschaft für sich selbst eine Antwort finden. Denn die Zeichen der Zeit müssen im Umfeld der Gemeinschaften gedeutet werden - sei es in Deutschland, Europa, Asien oder Afrika. In Deutschland haben die Orden im 19. und 20. Jahrhundert durch den Aufbau von Einrichtungen und Werken unglaublich viel in das Gesundheits- und Bildungswesen und damit in die Gesellschaft eingebracht. Heute kümmern sich auch andere darum. Wir müssen uns fragen: Wo sind wir heute in unserem Umfeld gefordert? Wir waren vor kurzem in Arenberg - das Dominikanerinnenkloster ist für Menschen mit unterschiedlichsten Sorgen und Nöten eine Heimat geworden, wo sie auftanken können. Hier, wie auch in anderen Klöstern, können Menschen einfach sein und einen Raum für sich und ihre Sehnsüchte finden.

Sr. Regina: Der Staat hat viel an sozialen Dienstleistungen abgedeckt. Wo ich aber die Not der Zeit sehe, ist die Seelsorge. Der Mensch ist an den Schnittstellen des Lebens - Tod, Krankheit, Alter, Leid - oft sehr allein. In der Ordenslandschaft gibt es viele Angebote im Stillen, die natürlich nicht dieselbe Öffentlichkeit haben wie ein Krankenhaus. Die Aufgabe, Menschen seelsorglich zu begleiten, ist zwar nicht so publikumswirksam, aber sehr präsent und notwendig.

Schwester Regina, Ihre Ordensgemeinschaft ist auch auf anderen Kontinenten präsent. Wie ist es da um die Orden bestellt?

Sr. Regina: In meiner Rolle beobachte ich zwei Strömungen. In Deutschland spreche ich von Rückbau und beobachte eine starke Suchbewegung der Orden, wie sie sich heute einbringen können. In Asien spreche ich von Aufbau. Diese Gleichzeitigkeit erzeugt eine Spannung, die richtig lustvoll und ermutigend ist. Unsere älteren Schwestern sind weitgehend zufrieden, dass es wieder andernorts einen Aufbruch gibt. Das überträgt sich auf die jungen Schwestern, die sehr motiviert sind. Wie viele junge Leute streben sie ins Ausland. Ein Auslandsaufenthalt ist ja etwas Wertvolles, und wir können das unseren Mitschwestern bieten. Da sehe ich eine Kraft, eine Dynamik, ein Potenzial und auch eine Zukunftsvision. Wir Schwestern in aller Welt inspirieren uns durch den Austausch auch in unserem geistlichen Leben und lernen voneinander - das ist sehr bereichernd.

Sitzen Frauen- und Männerorden im gleichen Boot, oder sehen Sie Unterschiede in ihrem Wirken?

Kugler: Weil sich das Bild und die Rolle der Frau gewandelt hat, sind die Herausforderungen für Frauengemeinschaften größer. Aber ich sehe viele Ähnlichkeiten und Annäherung in dem, was Frauen und Männer im Ordensbereich tun und wie sie leben. Gerade jüngere Schwestern sind zunehmend im seelsorglichen und wissenschaftlichen Bereich tätig. Wir spüren in unserem Verband ein sehr geschwisterliches Miteinander.

Vielleicht möchten Sie, Schwester Regina, etwas zur Situation der Männerorden sagen?

Sr. Regina: Wir sind auf Augenhöhe unterwegs. In unserem Haus sitzen beispielsweise die Brüder, die im Rahmen einer Pflege bei uns leben, im Refektorium mit uns am Tisch. Das ist ganz normal geworden. Früher wurde sehr viel Wert auf Distanz gelegt, das ist vorbei. Wir sind miteinander unterwegs und begegnen uns als Brüder und Schwestern. Dieses faire Miteinanderumgehen ist zeichenhaft. Wir können da - auch für Partnerschaften anderer Art - durchaus Beispiel geben.

Papst Franziskus redet oft Klartext und überrascht immer wieder mit ungewöhnlichen Ideen. Hand aufs Herz - nervt Sie das nicht auch?

Kugler: Es ist immer gut, wenn mal jemand den Finger in die Wunde legt. Es ist ja nicht so, dass er uns zu irgendetwas zwingt - er spricht einfach frank und frei aus, was ihm auf der Seele liegt. Es ist sympathisch, dass er das so sagen kann. Natürlich gibt er uns aus seiner Perspektive auch immer wieder einen Impuls. Das ist gut und wichtig, insofern finde ich das durchaus erfrischend.

Papst Franziskus fordert immer wieder Visionen, wo sehen Sie die Orden in der Zukunft?

Kugler: Sie sehen Zeichen der Zeit, treffen mutige Entscheidungen und stellen sich neuen Herausforderungen. Vielleicht finden sie neue Felder des Apostolats oder leben eher in kleineren Gruppen.

Sr. Regina: In Zukunft wird es zwar weniger Ordensleute geben. Aber sie sind mit Strahlkraft ausgestattet, weil sie frei von vielen Lasten sind und sich auf ihr geistliches Leben und ihre Sendung konzentrieren können.
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