Bischof Erwin Kräutler in Ruhestand entlassen
Seelsorger bei den Landlosen und Entrechteten im Amazonas

Bischof Erwin Kräutler. Bild: dpa

Vatikanstadt/Altamira. Hätte es einer Bestätigung für das Lebenswerk von "Dom Erwin" Kräutler bedurft, dann wäre es die Papstwahl von Jorge Mario Bergoglio im März 2013 gewesen. An die Ränder gehen, sich auf die Seite der Entrechteten stellen - was Franziskus fordert, das tut der gebürtige Österreicher seit vielen Jahrzehnten. Als "Amazonas-Bischof" wird Kräutler landläufig bezeichnet; sein Bistum Xingu ist das flächenmäßig größte Brasiliens.

Nun hat Franziskus "Dom Erwin", einen der "Ghostwriter" der päpstlichen Umweltenzyklika "Laudato si", mit 76 Jahren in den Unruhestand entlassen. Allerdings bleibt er Verwalter der Diözese, bis sein Nachfolger, der Franziskaner Joao Muniz Alves (54), sein Amt antritt. "Dom Erwin" trägt auch im Dienst gern Turnschuhe und einen schlichten Priesterornat. Nur wenige Monate im Jahr verbrachte er an seinem Schreibtisch in Altamira. Der Platz des 76-Jährigen ist und bleibt in den Gemeinden im Regenwald, die sonst nur selten einen Priester zur Messfeier sehen; an der Seite der entrechteten Indios, deren Lebensraum von Großunternehmen zerstört wird. Kräutler ist ein Mann des offenen, direkten Wortes, auch wenn es bedrohlich wird. Wirtschaftsbossen und Landräubern, Holzhändlern und Großgrundbesitzern stellt er sich in den Weg.

Wenige Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in Vorarlberg geboren, personifiziert "Dom Erwin" die Entwicklung der Kirche Lateinamerikas seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965). Den jungen Ordenspriester rief im Jahr 1965 sein Onkel, Bischof Erich Kräutler, nach Brasilien. Dort lernte er zunächst eine klassische Seelsorge kennen, die den Priester vor allem als Massenspender von Sakramenten sah, der aber ohne jede Anbindung an eine Gemeinde blieb.

Basisgemeinden


Bei ihrer Generalversammlung in Medellin 1968 beschlossen die Bischöfe Lateinamerikas eine grundlegende Neuordnung der Seelsorge: eine Kirche, gemeinsam auf dem Weg. Kleine Gemeinden mit viel Laienverantwortung, "kirchliche Basisgemeinden" genannt, sollten zur Keimzelle der Kirche werden; die wenigen Priester sollten möglichst viel bei den Menschen sein.

Als Bischof von Xingu und als Präsident des CIMI, des Indianermissionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz, kämpft Kräutler für die Rechte der Ureinwohner und der Landlosen, für den Schutz des Regenwaldes. 2010 wurde er dafür mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Mehrere Mitarbeiter Kräutlers wurden ermordet; auch er erhielt Morddrohungen. Bis heute steht er unter dauerndem Polizeischutz und kann seinen allmorgendlichen Spaziergang nicht mehr am Fluss absolvieren, sondern nur noch im Haus.

1983 machte Kräutler Schlagzeilen, als er während der Militärdiktatur von der Polizei verprügelt wurde. Er hatte sich mit Zuckerrohrschnittern solidarisiert, die fast ein Jahr auf ihren Lohn gewartet hatten. In ihrer Verzweiflung besetzten sie die zentrale Straße "Transamazonica".

Auch Kräutler, der zur Verhinderung einer Eskalation herbeigeeilt war, wurde als vermeintlicher Aufwiegler angegangen. Journalisten dokumentierten, wie er zu Boden geworfen und abtransportiert wurde. Kräutler selbst meint, er habe nur seinen Job gemacht: Er sei bei den Menschen gewesen. Die scharten sich um ihn und schrien: "Lasst ihn los - er ist unser Bischof!" Das war, sagt er, "für mich wie eine zweite Bischofsweihe". 1987 wurde er bei einem mysteriösen Autounfall schwerverletzt - als er sich dafür einsetzte, die Rechte der Indigenen in der Verfassung zu verankern. Doch der Kampfeswille ist weiter da, die Empörung über Menschenrechtsverletzungen, Missstände und das Riesenstaudammprojekt am Xingu-Fluss, durch das Zehntausende Menschen ihnen Lebensraum verlieren.

Nur zwei Dutzend Priester


Schon 1985 seufzte Papst Johannes Paul II. über der Landkarte mit Kräutlers Diözese: "zu groß!". Und über die Zahl seiner damals 16 Priester: "zu wenige!" Heute sind es zwei Dutzend - für eine inzwischen 15 mal größere Zahl von Katholiken. Immerhin: Kräutler sollte zuletzt Pläne für eine Dreiteilung der Diözese vorlegen. Der neu ernannte "Amazonas-Bischof" Alves kann sicher weiter auf die Tatkraft von "Dom Erwin" zählen.
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