Boris Johnson
Brexit-Befürworter neuer Außenminister

Brexit-Befürworter Boris Johnson ist neuer britischer Außenminister

Auf den ersten Blick mag die Ernennung von Boris Johnson zum neuen britischen Außenminister als ein Witz erscheinen. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten nicht mehr.

London. Die Nachricht schlägt wie eine Bombe ein. Boris Johnson ist neuer britischer Außenminister - viele Briten reiben sich die Augen, Polit-Insider in London halten den Atem an, in den europäischen Hauptstädten holen einige tief Luft. In den sozialen Netzen wird kübelweise Hohn und Spott vergossen. Ob sich die neue Premierministerin Theresa May einen Gefallen tut, den unberechenbaren Querkopf ins Kabinett zu holen, bleibt abzuwarten. Doch ihre Strategie, wie sie im politischen Kampf in London und Brüssel bestehen will, tritt deutlich zutage.

Brexit-Lager beruhigen


"Brexit heißt Brexit", heißt ihr neues Mantra. May wird nicht müde, ihren Slogan an den Mann zu bringen, es klingt wie eine Beschwörung - auch wie das Pfeifen im Walde. Denn die Neue im Amt hat mit einem Nachteil zu kämpfen, einem Makel gar: Sie ist keine "Brexit-Frau". Noch vor ein paar Wochen, im Wahlkampf, plädierte sie für den Verbleib in der Europäischen Union (EU). Jetzt muss sie ganz schnell zeigen, dass sie die Seiten wechseln kann. Der Rückgriff auf Johnson soll das Brexit-Lager in den eigenen Reihen beruhigen - eine Art Überlebensstrategie für May.

"Boris bounces back" - Boris springt zurück, schreibt die "Daily Mail" am Donnerstag. Der Londoner Ex-Bürgermeister hat eine Achterbahnfahrt der besonderen Art hinter sich: Er war der treibende Mann im Brexit-Lager, das Gesicht der Bewegung, der Sieg beim Referendum war vor allem sein Verdienst.

Mich würde es nicht wundern, wenn man in Großbritannien demnächst Dracula zum Gesundheitsminister macht.Rolf Mützenich, SPD-Außenpolitiker, nach der Ernennung Boris Johnsons zum britischen Außenminister


Fast galt er als designierter Premier - bis er sich in einer bizarren Kehrtwende aus dem Rennen katapultierte. Angeblich weil er sich von seinem Brexit-Kumpan, Justizminister Michael Gove, verraten fühlte, der sich plötzlich auch um den Premierjob bewarb - eine windige Erklärung. Tatsächlich standen viele Abgeordneten Johnson skeptisch gegenüber. Der neue Chef-Diplomat, hat viele Charakterzüge - doch geschmeidiges Vorgehen, geschliffenes und zurückhaltendes Auftreten gehören bestimmt nicht dazu. Schon ätzen Kritiker im Netz, er brauche erstmal bis Weihnachten, um sich bei allen ausländischen Politikern zu entschuldigen, die er bislang beleidigt hat.

Die Zeitung "The Independent" veröffentlichte eine Liste mit Johnsons markantesten rhetorischen Ausrutschern. Zu Hillary Clinton, immerhin die mögliche neue US-Präsidentin, meinte er vor einigen Jahren: "Sie hat gebleichtes Blondhaar und Schmolllippen sowie einen stahlblauen Blick, wie eine Krankenschwester in der Nervenanstalt." Barack Obama bezeichnete er als "teilweise kenianisch". Die Frage ist nur: Sind das wirklich Ausrutscher?

Hitzkopf als Risiko


May geht mit Johnson ein hohes Risiko ein. Mit dem Hitzkopf als Außenminister dürften diplomatische Konfrontationen programmiert sein. Wie will er etwa Clinton unter die Augen treten? Doch Vorsicht, der Oxford-Absolvent und gelernte Alt-Philologe ist wandlungsfähig. Immerhin: Zu seiner Ernennung erschien er mit Anzug und Schlips und im Auto - sonst zeigt er sich auch gern auf dem Fahrrad, mit Anorak und Rucksack.


Zitate über ausländische Politiker

Der neue britische Außenminister und Brexit-Befürworter Boris Johnson ist für seine drastischen Sprüche bekannt. Einige Zitate zur Außenpolitik:

"Das ist das überzeugendste Argument für Bush; dass er, unter anderem, den Irak befreit hat. Mir genügt das." Im "Telegraph", Februar 2004

"Nun, verglichen mit dem alten britischen Empire (Weltreich) und dem neuen amerikanischen Imperium ist der kulturelle Einfluss Chinas praktisch Null, und es ist unwahrscheinlich, dass er zunehmen wird." Im "Telegraph", September 2005

"Sie hat gebleichtes Blondhaar und Schmolllippen sowie einen stahlblauen Blick, wie eine Krankenschwester in der Nervenanstalt." Im "Telegraph", November 2007, über Hillary Clinton

"Manche sagten, es war eine Brüskierung Britanniens. Manche sagten, es war ein Ausdruck der ererbten Abneigung des halb-kenianischen Präsidenten gegen das britische Empire." In "The Sun", April 2016, zur Entfernung einer Churchill-Büste aus dem Oval Office im Weißen Haus nach Barack Obamas Einzug im Jahr 2009

"Der einzige Grund, warum ich einige Teile New Yorks nicht besichtigen würde, ist das ernsthafte Risiko, Donald Trump zu treffen." Im "Independent", Dezember 2015, nach Trumps Vorschlag, Muslime nicht mehr in die USA einreisen zu lassen

"Teilnahmslos hat sie sich dazu entschieden, vor den Forderungen Erdogans den Kotau zu machen, einem Mann, der die eiskalte Unterdrückung der türkischen Meinungsfreiheit betreibt." Im "Telegraph", April 2016, über Kanzlerin Angela Merkel, nachdem die Bundesregierung den Weg für ein Strafverfahren gegen den Fernseh-Satiriker Jan Böhmermann freigemacht hat)

"Napoleon, Hitler, verschiedene Leute haben das versucht, und es endet (immer) tragisch." Im Mai 2016 über den angeblichen Versuch der EU, einen Superstaat schaffen zu wollen
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