Boris Johnson
„Mr. Brexit“ kneift

Boris Johnson liebt es, zu schockieren. Ein echter Populist eben. Aber das Joch der Regierungsverantwortung will der britische Konservative lieber nicht tragen.

London. Allein der Auftritt des Boris Johnson an diesem Donnerstag ist Hollywood-reif. Um Mittag endet die Bewerbungsfrist für die Nachfolge von Premier David Cameron. Buchstäblich bis zur letzten Minute wartet "Mr. Brexit", bis er vor die Kameras tritt. Lange spricht er, geschickt erhöht er die Spannung, lobt seine Erfolge als Londoner Bürgermeister, genießt den Applaus des Publikums, beschreibt die goldene Zukunft, die jetzt vor Großbritannien liegt.

Doch dann, am Ende seiner Rede, beiläufig beinahe, lässt er die Bombe platzen. Er sei nicht derjenige, der das Land nach dem EU-Referendum führen sollte. "Ich bin zu dem Schluss gekommen, diese Person kann ich nicht sein." Einige seiner Getreuen brechen in Tränen aus. Millionen Briten, die vor einer Woche für "Austritt" gestimmt haben, können sich nur überrascht die Augen reiben - ihr Idol kneift. Die Frage steht: Ist Johnson die "Drecksarbeit" nach dem Brexit zuviel? Scheut er eine Schlappe bei der Wahl?

Keine Hausmacht


Zeitweise schien die Nachfolgefrage so gut wie gelaufen. Der galt Ex-Bürgermeister als klarer Favorit. Beim Volk gilt er als extrem populär, Reden kann er wie nur wenige - und schließlich war er das Gesicht des "Brexit-Lagers", für den Sieg des "Nein" zu Europa maßgeblich verantwortlich. Doch am Donnerstagmorgen kommt Gegenwind auf. Nicht nur, dass mit Justizminister Michael Gove und Innenministerin Theresa May zwei starke Konkurrenten ihre Kandidatur anmelden. Sie haben zugleich den Dolch im Gewand, sprechen Johnson rundweg Führungsfähigkeit und Charakter ab. "Ich kenne einige Politiker, die hohe Posten anstreben, weil sie von ideologischer Inbrunst getrieben sind", sagt May in die Kameras. May spricht ganz ruhig - doch sie weiß, dass sie in Wahrheit ein Stich in Johnsons Rücken sind. Ein Ideologe und Überzeugungstäter in Downing Street 10 - für die pragmatischen und unideologischen Briten ein Unding.

Plötzlich wird Johnsons Schwäche, die im Wahlkampfs so gerne übersehen wurde, zum Problem. Der Populist ist unter den Tory-Abgeordneten nicht sonderlich populär. Er hat keine Hausmacht. Hier können Gove und May zu gefährlichen Gegnern werden. Doch gibt es tiefere Gründe, stehen ganz andere Motive hinter dem Kneifen? War der wortmächtige "Mr. Brexit", der sonst keine Kamera auslässt, nicht nach dem Votum abgetaucht - so, als müsste er erst einmal selbst das Ergebnis verdauen?

Verkalkuliert?


Es gibt Stimmen, die meinen, Johnson habe nicht mit dem Brexit gerechnet. Es gibt Spekulationen, "Mr. Brexit" habe auf ein anderes Szenario gesetzt: Die EU-Befürworter gewinnen knapp. Um die Partei zu versöhnen, bildet Cameron das Kabinett um und Johnson kriegt einen Posten. So würde er aussichtsreicher Kandidat für die Wahlen.
(Lesen Sie dazu das Angemerkt "Boris Johnson verkauft jeden")

Kohl für "Atempause"Eine Woche nach dem Votum für einen britischen EU-Austritt hat Altkanzler Helmut Kohl vor einer überhasteten Reaktion gewarnt. Es gelte, einen vernünftigen Weg im Umgang mit dem Referendum der Briten zu finden, sagte Kohl der "Bild"-Zeitung. Von EU-Seite jetzt die Türen zuzuschlagen, wäre ein Riesen-Fehler. Das Wichtigste: Das Land müsse selbst entscheiden, was es wolle, sagte Kohl. Er sprach sich für eine "Atempause" Europas aus. Europa müsse einen Schritt zurückgehen und dann langsam zwei Schritte vorangehen - in einem Tempo, das mit den Mitgliedstaaten machbar sei. (dpa)
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