Brasilien vor den Olympischen Spielen
Wenig Lust auf das Sport-Spektakel

Rio de Janeiro. Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva holte 2009 die Olympischen Spiele nach Rio de Janeiro. Nachfolgerin Dilma Rousseff pumpte viel Geld in das Projekt. Dann verbündete sich ihr Vizepräsident mit der Opposition und stürzte sie. Nun darf Michel Temer am Freitag im Maracanã die Formel sprechen: "Ich erkläre die XXXI. Olympischen Spiele für eröffnet."

Das Trauma des 1:7 im Halbfinale bei der Fußball-WM 2014 gegen Deutschland hat sich in die brasilianische Seele eingegraben. Als Menetekel für den Verlust des Selbstbewusstseins, des Abstiegs. Eine Lethargie hat sich über das fünftgrößte Land der Welt gelegt: Die Wirtschaft brach um 3,8 Prozent ein, 2016 wird es ähnlich schlimm. 11,5 Millionen Arbeitslose. Rousseff war zur Schuldigen geworden. Ihre Suspendierung, vor allem wegen Bilanztricks beim Staatshaushalt, sollte den Umschwung bringen.

Nach den Olympischen Spielen wird der Senat sie wahrscheinlich dann endgültig des Amtes entheben - nur noch ein Wunder kann sie retten. Temer würde bis 2019 im Amt bleiben. Er will die linke Arbeiterpartei nach 13 Jahren an der Macht dauerhaft aus der Regierung verdrängen. Seine Mitte-Rechts-Regierung hat aber auch schon drei Minister, unter anderem wegen Korruptionsvorwürfen verloren. Nur 14 Prozent bescheinigen dem Juristen bisher eine gute Amtsführung. Aufbruchstimmung? Fehlanzeige.

Meirelles als Ass im Ärmel


Aber der 75-jährige Temer hat einen Trumpf: Finanzminister Henrique Meirelles, ehemals Chef der Zentralbank. Der hat das Vertrauen der Märkte zurückgewonnen, die brasilianische Währung Real hat sich deutlich stabilisiert. Auch für 2017 wird noch mit einem hohen Defizit von 42 Milliarden Dollar geplant, um nicht durch einen zu starken Sparkurs den so wichtigen Binnenkonsum weiter abzuwürgen. Zudem will der Finanzminister eine Schuldenbremse einführen, mit der die Ausgaben des Staates gedeckelt werden, immer abhängig von der Inflationsrate. Zu lange hat Brasilien auf Öl gebaut - die Einnahmen sind weggebrochen. Um die Staatskosten in den Griff zu bekommen, die Freiräume für Investitionen in die marode Infrastruktur und Bildung einschränken, kämpft er für eine Rentenreform. Brasilianer können oft schon mit 55 Jahren bei vollen Bezügen in Rente gehen. Mit weniger Bürokratie, der Straffung des Staatsapparats und Privatisierungen sollen die Ausgaben deutlich gesenkt werden. Deutsche Unternehmen wie der Flughafenbetreiber Fraport haben Interesse an Beteiligungen.

Angesichts weltweiter Krisen kann Brasilien auch wieder zu einem Hoffnungsland werden - es war immer Auf- und Ab-Zyklen unterworfen. Das Land gehört weiterhin zu den Top Ten der Wirtschaftsmächte. Außenpolitisch war das BRICS-Land zuletzt wegen der Krise abgetaucht. Dabei hatte sich Brasilien zu einer wichtigen Gestaltungsmacht auf dem internationalen Parkett entwickelt und spielte etwa eine Schlüsselrolle bei Klimaschutzverhandlungen.

Favelas sind die Verlierer


Temer ist bemüht, nicht mit der Errungenschaft von Lula/Rousseff zu brechen, den üppigen Sozialtranfers. Rund 40 Millionen Menschen wurden so aus der Armut geholt. Temer kündigte eine Erhöhung der Familiensozialhilfe (Bolsa Familia) um 12,5 Prozent an - 14 Millionen Familien erhalten sie. Bisher sind das rund 45 Euro im Monat.

Proteste wie vor der Fußball-WM gibt es vor Olympia nicht - obwohl die Investitionen von 10,5 Milliarden Euro in Rio vor allem dem von der weißen Ober- und Mittelschicht bewohnten Stadtteil Barra zugute kommen. Verlierer sind die Favelas im Norden, wo es an Gesundheitsversorgung und an Kläranlagen mangelt. Die Lage ist zerbrechlich.
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