Brasiliens Staatschefin suspendiert
Dilma Rousseff vertrieben

Dilma Roussef. Bild: dpa

Brasilia. Dilma Rousseff kommt in Weiß, die Farbe der Unschuld. "Dilma, Kriegerin des brasilianischen Vaterlandes", rufen ihre Anhänger im Regierungspalast. Im vorerst letzten Statement spricht sie Klartext. Von 54 Millionen Menschen legal gewählt, würden fadenscheinige Gründe benutzt, um sie loszuwerden. "Das ist ein wahrhaftiger Putsch." Beim Auszug aus dem Palast wird sie gefeiert.

Wird sie wiederkommen? Diese Frage ist wegen einer Besonderheit in der brasilianischen Verfassung schwer zu beantworten. Zuvor hatte der Senat 20 Stunden lang über ihr Schicksal beraten, jeder Senator konnte während 15 Minuten seine Beweggründe darlegen. Das niederschmetternde Votum am Donnerstag: 55:22 gegen Rousseff.

Sogar Zweidrittelmehrheit


Damit ist sie nun für 180 Tage suspendiert. In der Zeit werden die Vorwürfe geprüft, es geht um die Verschleierung der Defizithöhe und Kreditvergaben, die der Genehmigung des Parlaments bedurft hätten. Jetzt war nur die einfache Mehrheit notwendig, 39 Stimmen. Es wurde aber eine Zweidrittelmehrheit erreicht, die auch für die endgültige Absetzung nötig wäre. Das wird erneut vom Senat entschieden.

Nach mehr als fünf Jahren verlässt sie den Palácio do Planalto in Brasilia. Es ist der Höhepunkt eines Wochen dauernden politischen Schauprozesses mit grotesken Zügen - er hat dem Land schweren Schaden zugefügt. Ihr Widersacher und Vizepräsident Michel Temer (75) übernimmt ihren Schreibtisch. Aus São Paulo war eigens seine erst 32-jährige Frau mit Sohn Michel angereist. Temer gilt als politisch wendig, seine Partei der demokratischen Bewegung (PMDB) ist schwer zu verorten, sie sieht sich als Posten- statt Oppositionspartei.

Die PMDB hatte mit der linken Arbeiterpartei nach 13 Jahren Koalition gebrochen - dadurch konnte Temer Rousseff stürzen. Temer und Co. müssen zeigen, ob sie es besser können. Er will Staatsbesitz privatisieren. Sein Aushängeschild ist der an den Finanzmärkten geschätzte, designierte Wirtschafts- und Finanzminister und Ex-Zentralbank-Chef Henrique Meirelles. Bei einer Neuwahl käme Temer Umfragen zufolge aber nur auf 1 bis 2 Prozent. Dass er mit Blairo Maggio einen der weltweit führenden Sojaproduzenten zum Agrarminister macht, lässt Umweltschützer Böses ahnen - eine Aufhebung des Schutzes für bestimmte Regenwaldgebiete. "Das Zepter übernehmen nun die Anhänger einer Wachstumsideologie ohne Augenmaß", meint Roberto Maldonado vom WWF.

Hoffnung auf die Spiele


Als eine der letzten Handlungen unterzeichnete Rousseff ein Dekret, das den Abschuss verdächtiger Flugzeuge während der Olympischen Spiele in Rio de Janeiro regelt. Vielleicht können ja die Spiele in der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt, die in einer der tiefsten Rezessionen ihrer Geschichte steckt, eine Stimmungsaufhellung bringen. Eröffnen wird Rousseff sie nicht mehr. Aber sie gibt sich nicht geschlagen. Die Ex-Guerillakämpferin, die während der Militärdiktatur in den 1970ern gefoltert wurde und auch den Krebs besiegt hat, will es den "Verrätern" zeigen.

Doch auch wenn Rousseff in Weiß abtritt, eine weiße Weste haben weder sie noch viele andere der Politiker. Gegen 60 Prozent der Abgeordneten und Senatoren laufen Ermittlungen wegen Korruption - und diese Vertrauenskrise ist gerade das wohl größte Problem des Landes.
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