Brennende Barrikaden

Als "Haus des Euro" und " Symbol des Besten, was Europa gemeinsam schaffen kann" bezeichnete EZB-Chef Mario Draghi bei der Einweihungsfeier den Neubau in Frankfurt. Für die Demonstranten ist das Gebäude ein Symbol für die Missstände, gegen die sie am Mittwoch auf die Straße gingen.

Autos gehen in Flammen auf, Scheiben zu Bruch. Militante Antikapitalisten aus ganz Europa protestieren in Frankfurt gegen die EZB. Der teure Neubau wird zur Kulisse der Gewalt.

Alle haben Ausschreitungen erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß: Früh am Morgen laufen mehrere tausend Teilnehmer der Blockupy-Proteste in Richtung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Frankfurter Osten. Sie werfen die Reklamescheibe einer Haltestelle ein, zünden Böller. Das ist nur das Vorspiel eines Ausbruchs der Gewalt, wie ihn die Bankenmetropole lange nicht mehr erlebt hat. "Auf geht's zur Party!", ruft eine Frau in einem Clown-Kostüm.

Als die Menge auf einem Platz in der Nähe der EZB ankommt, setzen schwarz vermummte Demonstranten ein Polizeiauto in Brand. Eine andere Gruppe zerlegt einen Bauzaun und wirft die Gitter auf die Straße. Ein abgestelltes Auto eines Anwohners wird auf die Straße geschoben, Gewalttäter werfen die Scheibe ein und legen Feuer. Wütend schlägt ein Mann mit einem Stein auf die Scheibe eines parkenden Autos ein.

Nur EZB-Zone gesichert

Von den mehreren tausend Polizisten ist nichts zu sehen auf diesem Platz. Ihre Kräfte riegeln zur gleichen Zeit das zur Sicherheitszone erklärte Gebiet direkt an der EZB ab. An den Absperrungen drängen sich Tausende Aktivisten, einige sind auf Bäume geklettert. Aus einem Radio auf einem Bollerwagen dröhnt Techno-Musik. EZB-Gegner tanzen dazu. Und eine Gruppe von Franzosen bemalt Regenschirme.

Dann setzt sich die Menge wie auf ein geheimes Kommando in Bewegung. Alle rennen los. Die zunächst fast heitere Stimmung kippt um. Die Polizeikräfte schießen Granaten mit Pfefferspray ab. Der Wirkstoff brennt in den Augen. Der Sturm auf die Absperrungen vor der EZB, vier Stunden vor Beginn der Eröffnungsfeier für den 1,3 Milliarden Euro teuren Neubau, wird abgewehrt. Sanitäter aus den Reihen der Demonstranten kümmern sich um Verletzte.

Die Demonstranten ziehen sich zurück. Sie sammeln sich in ihren Bezugsgruppen, deren Namen gerufen werden: Schokoriegel! Opossum! Pinocchio! Eine Gruppe kommt bei einem Reifenhändler vorbei, stürmt in das Lager und schichtet Reifen auf der Straße zu einer Barrikade auf. Sekunden später steht sie in Flammen.

Kaum eine Kreuzung im Ostend, auf der es nicht brennt. Der markante Klotz der EZB wird von dunklen Rauchschwaden verhüllt. Die Menschen halten sich Tücher vors Gesicht, der Rauch ist zeitweise unerträglich, die Feuerwehr kommt mit dem Löschen kaum nach.

Schnelle Attacken

Nach dem ersten Ansturm beginnt ein stundenlanges Katz-und-Maus-Spiel zwischen EZB-Gegnern und der Polizei. Die Demonstranten agieren schnell, zerstreuen sich und formieren sich dann wieder neu. Die Polizei braucht mehr Zeit, um ihre Formationen an immer wieder neuen Orten in Stellung zu bringen.

An der Flößerbrücke über den Main zerlegen Maskierte das Pflaster. Kurz darauf werden die Wurfgeschosse gegen zwei Wasserwerfer geschleudert, die langsam gegen die Menge vorrücken und ihre nassen Massen auf die Menge schleudern. Wieder laufen die Demonstranten zurück, eine Gruppe nimmt einen Weg durch einen Hinterhof. "Widerlich!", ruft eine Nachbarin. Ein Mann schaut aus seinem Fenster im Erdgeschoss und sorgt sich um die Hausfassade, weil Mülltonnen auf der Straße brennen.

Ein dänischer Aktivist sagt: "Ich bin enttäuscht, warum muss so viel in Brand gesetzt werden?" Aber andere laufen vorbei und rufen auf Englisch: "Revolution!" Das Frankfurter Ostend ist in weiten Teilen nicht das, was man als feines Wohnviertel bezeichnet. Die Bewohner sind kaum die richtige Adresse für Sprechchöre wie "Kapitalismus raus aus den Köpfen!"

Es ist eine archaisch anmutende "Revolution", die da in Frankfurt inszeniert wird. "Wir nehmen uns die Straße", ruft ein Mann über Megafon auf einer blockierten Kreuzung. Die Finanzmärkte aber agieren nicht auf der Straße. Ihre Transaktionen finden in den Rechenzentren der Bankenmetropole statt, unsichtbar und ungerührt werden sie auch am Blockupy-Tag abgewickelt.

Mehr als 220 Verletzte

Vorläufige Bilanz des Vormittags: Neben Sachschaden mehr als 220 verletzte Polizisten und Demonstranten. "Das ist nicht das, was wir geplant haben", sagt Blockupy-Anmelder Ulrich Wilken, der für Die Linke im hessischen Landtag sitzt.

Gegen Mittag beruhigt sich die Lage. Einer dreistündigen Hauptkundgebung am Nachmittag auf dem Frankfurter Römerberg schließt sich ein Protestmarsch durch die Innenstadt an. Laut Polizei nehmen daran rund 17 000 Menschen teil, laut Blockupy gar mehr als 20 000. Der Polizei zufolge verläuft die Großdemonstration bis zum frühen Abend zunächst weitgehend friedlich.
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