Brünn bittet um Vergebung

1945 wurden Tausende Sudetendeutsche aus Brünn vertrieben. Viele von ihnen kamen ums Leben. Nun räumen die Stadtväter Unrecht ein.

Der Stadtrat der zweitgrößten tschechischen Stadt Brünn (Brno) hat 70 Jahre nach Kriegsende und dem Beginn der kollektiven gewaltsamen Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei ein Zeichen gesetzt: Er bittet in einer Erklärung die Deutschen für die Opfer des "Brünner Todesmarsches" vom 30. Mai 1945 um Vergebung.

Rückblende: In der Nacht vor und am Morgen jenes Tages wurden Tausende deutscher Einwohner von Brünn durch bewaffnete tschechoslowakische "Roten Garden" und Armee-Einheiten aus der Stadt vertrieben. Ohne Verpflegung, ohne Wasser, ohne ärztliche Betreuung, ohne grundlegende hygienische Versorgung, ohne Rast. Zu denen, die die Ausweisung forderten, gehörten nachweislich Arbeiter aus den Brünner Rüstungsbetrieben, in denen bis zum letzten Tag ohne Murren Granaten für die deutsche Wehrmacht gedreht wurden. Augenzeugen sagen, diese Menschen habe ihr schlechtes Gewissen als Kollaborateure veranlasst, sich durch die Vertreibung der Deutschen aus der Stadt "reinzuwaschen".

Erschöpfung und Krankheit

Nach Augenzeugenberichten starben bei dem grausamen Marsch viele Menschen an Erschöpfung oder an Epidemien, die sich im Lager der auf dem Weg liegenden Ortschaft Pohrlitz verbreitet hatten. Manche wurden durch die bewaffnete tschechische Begleitung noch vergewaltigt oder kurzerhand erschlagen oder erschossen. Unter den Vertriebenen waren vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen, viele davon ursprünglich Nazi-Gegner. Dieser Akt ging in die Geschichte als der "Brünner Todesmarsch" ein. Der tschechische Historiker Tomas Stanek hat ermittelt, dass auf diesem Todesmarsch 649 Deutsche umkamen. Andere Quellen gehen von 1500 toten Deutschen aus. Der Totengräber Julius Hoffnann hat ein Verzeichnis von 439 Toten hinterlassen, die er eigenhändig in jeweils einem eigenen Grab begraben hatte. In Pohrlitz kündet seit der Revolution 1989 ein Kreuz vom damaligen Geschehen.

Kommunisten dagegen

Die Resolution fand eine Mehrheit im Stadtrat. Erwartungsgemäß gegen sie stimmten die umgewendeten Kommunisten. Einige Sozialdemokraten, darunter der frühere Vizechef der Partei und heutige Landeshauptmann (vergleichbar mit einem Zwitter zwischen deutschem Landrat und Ministerpräsidenten eines Bundeslandes), Michal Hasek, enthielten sich der Stimme ebenso wie die Konservativen aus der Partei des früheren Präsidenten Vaclav Klaus.

Am 30. Mai wird das Andenken an die Opfer des Brünner Todesmarsches auf besondere Weise geehrt: mit einem Marsch von Pohrlitz nach Brünn, wo der Oberbürgermeister, der Brünner Erzbischof und überlebende Zeitzeugen sprechen werden. Dies wird eine der großen Erinnerungen an die Vertreibung nicht nur der Deutschen aus Brünn, sondern aus der gesamten Tschechoslowakei werden. Deutsche lebten dort mehr als 800 Jahre.
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