Bundeskanzlerin Merkel zu Gast in Niger
Drehscheibe der Armut

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde am Montag in Niamey im Niger von Präsident Mahamadou Issoufou (rechts) begrüßt. Kanzlerin Merkel befindet sich auf einer dreitägigen Reise durch Afrika mit Stationen in Mali, Niger und Äthiopien. Merkel will außerdem deutsche Soldaten treffen, die von dem westafrikanischen Land aus mit zwei Transall-Flugzeugen zur Versorgung der UN-Stabilisierungsmission in Mali im Einsatz sind. Niger gilt als das ärmste Land der Welt. Bild: dpa

Das westafrikanische Land kämpft mit Terrorismus und Armut. Dennoch strömen Tausende dorthin - oftmals auf der Durchreise nach Europa. Angela Merkel besucht Niger. Doch was kann Deutschland tun?

Niamey. "Unseren Nachbarkontinent", nennt Merkel Afrika, das für viele aus Krieg, Hunger und Mythen besteht. Das westafrikanische Land Niger repräsentiert einige der so oft mit Afrika assoziierten Klischees: Es trägt den Titel des ärmsten Landes der Welt; es ist heiß; es gibt Terrorismus. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Erste in ihrem Amt, die den Niger offiziell besucht. Das Land ist Drehscheibe für Hunderttausende Flüchtlinge aus Westafrika.

Route nach Europa


Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) verließen seit Februar über 290 000 Migranten den Niger in Richtung Libyen und Algerien. Die Wüstenstadt Agadez, rund 950 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Niamey, ist einer der größten Handelsknotenpunkte. Bereits im 15. Jahrhundert handelten Nomaden mit Gold aus Westafrika Richtung Mittelmeer. Heute benutzen Menschen eine ähnliche Route. Sie reisen entweder über Algerien Richtung Spanien oder über Libyen nach Italien. "Es gibt keine formellen Ablauf", erklärt Maurice Miango-Niwa. Sie kommen aus Nigeria, Gambia, Senegal, der Elfenbeinküste und anderen westafrikanischen Ländern. Von Niamey nehmen die Migranten einen Bus nach Agadez. An den Busstationen werden sie von sogenannten "Fixern" abgeholt, jene Mittelsmänner, die ihre Reise organisieren. Migranten landen in den Ghettos der Stadt. Dann beginnt das Warten.

Die meisten Migranten fliehen vor einem schlechten Arbeitsmarkt, sagt Miango-Niwa. Im Sinne der auch von Merkel angestrebten Fluchtursachenbekämpfung müsste man deshalb Herkunftsländer finanziell und technisch unterstützen. Die Zahl der Migranten ist IOM zufolge von August auf September stark zurückgegangen. Zahlreiche der großteils nigrischen Migranten wollen demnach gar nicht nach Europa, sondern suchen Arbeit in Libyen.

"Die meisten Akteure illegaler Migration arbeiteten zuvor im Tourismus", erklärt Miango-Niwa. Aber es gebe keinen Tourismus mehr, und der Menschenschmuggel ist lukrativ - nach IOM-Angaben verdienen Schmuggler bis zu 3,5 Millionen Zentralafrikanische Franc pro Woche, umgerechnet mehr als 5000 Euro. Womit sonst könnte man so viel Geld verdienen? Damit es mehr alternative Arbeitsgelegenheiten gibt, kündigt Merkel 17 Millionen Euro Hilfe für Niger an. Bei ihrer dreitägigen Afrikareise nach Mali, Niger und Äthiopien, die am Sonntag begann, will Merkel sich für eine stärkere Bekämpfung von Fluchtursachen stark machen. Im Niger trifft sie sich mit Präsident Mahamadou Issoufou. Er ruft nach viel mehr Geld der EU für Herkunfts- und Durchgangsländer afrikanischer Flüchtlinge. Nötig sei etwas wie ein "Marshallplan", wie er Westeuropa nach dem Krieg geholfen hat. Merkel lässt einigermaßen deutlich durchblicken, dass sie wenig davon hält. Es nütze doch nichts, Geld für den Aufbau von Unternehmen zu geben, "und am Schluss verrostet alles", betont die Kanzlerin.

Tausende Tote


Fast die Hälfte der 18 Millionen Einwohner leben unter der Armutsgrenze. Die Lebenserwartung beträgt 61 Jahre. Frauen gebären im Durchschnitt sieben bis acht Kinder. Etwa die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 15 Jahre. Seit Jahren gibt es Anschläge durch bewaffnete Milizen, darunter auch Gruppen aus dem Ausland. Vor allem die nigerianische Terrormiliz Boko Haram ist auch im Niger aktiv. Die sunnitischen Extremisten haben seit 2009 mehr als 14 000 Menschen getötet. Mit rund 570 Soldaten beteiligt sich die Bundeswehr an einem UN-Friedenseinsatz im benachbarten Mali, und bildet bei einer EU-Mission malische Streitkräfte aus. Etwa 40 Bundeswehrsoldaten helfen aus Niamey, die Truppen zu versorgen. Auf dem Flugplatz in der Hauptstadt sind auch zwei Transall-Maschinen der Bundeswehr stationiert.

Unterstützung für NigeriaAußenminister Frank-Walter Steinmeier hat Afrikas bevölkerungsreichstem Land Nigeria weitere Unterstützung im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus zugesagt. Bei einem Besuch in der Hauptstadt Abuja lobte Steinmeier am Montag "erste Erfolge" bei der Bekämpfung der Terrormiliz Boko Haram. Der SPD-Politiker traf auch Präsident Muhammadu Buhari. Deutschland und die anderen großen Industrienationen (G7) hatten vergangenes Jahr ein Sicherheitsprogramm für das 180-Millionen-Einwohner-Land auf den Weg gebracht. Zuvor hatte die Verschleppung von fast 300 Schulmädchen durch Boko Haram weltweit Schlagzeilen gemacht. Mittlerweile droht dort auch noch eine Hungerkrise. Steinmeier mahnte auch strengere Maßnahmen gegen die weit verbreitete Korruption an. Aktuell leidet das Land enorm unter dem Verfall des Ölpreises. Die riesigen Ölvorkommen waren bislang Haupteinkommen des Staates. (dpa)
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