Bundespräsident Joachim Gauck tritt nicht wieder an
Vom Pastor zum Staatsoberhaupt

Bundespräsident Joachim Gauck.
 
Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt. Bild: dpa

Wochenlang war spekuliert worden, ob Joachim Gauck für eine zweite Amtszeit als Bundespräsident antritt oder nicht. In den ersten vier Jahren hat er sich Ansehen und Respekt erworben - das hat auch mit seiner ungewöhnlichen Biografie zu tun. Nun kündigt er seinen Rückzug an. Der 76-Jährige erklärte am Montag in Schloss Bellevue in Berlin, für eine Wiederwahl in der Bundesversammlung im Februar nächsten Jahres nicht zur Verfügung zu stehen.

Berlin. Als Joachim Gauck am 18. März 2012 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, da begleiteten ihn große Hoffnungen und eine tiefe Sorge gleichermaßen. Der ruhmlose Rücktritt von Christian Wulff als Staatsoberhaupt lag wenige Wochen zurück, und auch die Erinnerung an Horst Köhler, der 2010 als Präsident hingeschmissen hatte, war noch wach. Was, wenn es auch diesmal schiefginge? Ging es nicht.

Dem Ex-Pastor aus Rostock gelang es, dem schwierigen, weil ebenso machtlosen wie doch bedeutenden Amt, Respekt zurückzugewinnen. Und seiner Person große Popularität und hohe Achtung zu sichern. Das war nicht selbstverständlich. Die Wahl Gaucks war ein Risiko, Kanzlerin Angela Merkel, die zweimal bei der Präsidentenkür kein glückliches Händchen bewiesen hatte, wäre eine andere Entscheidung lieber gewesen.

Auf die Frage, ob er Angst vor den hohen Erwartungen habe, sagte Gauck nach seiner Wahl selbstsicher: "Angst ist nicht so mein Lebensthema gewesen." Aber er sagte auch: "Liebe Leute, Ihr wisst es doch genau: Ihr habt keinen Heilsbringer oder keinen Heiligen oder keinen Engel, Ihr habt einen Menschen aus der Mitte der Bevölkerung als Bundespräsidenten."

Mühevoller Anfang


Dabei war der Anfang durchaus mühevoll. Schwerer als von vielen erwartet fiel es dem heute 76-Jährigen, bei aller Wortgewalt durchzudringen mit seinen Botschaften. Eine mit großer Sorgfalt inszenierte Europa-Rede verhallte ohne großes Echo. Sein erklärtes Schwerpunktthema Menschenrechte fand nicht so viel Beachtung wie erhofft.

Doch dann kam der 31. Januar 2014; Gauck hielt vor der Münchener Sicherheitskonferenz seine wohl wichtigste Rede. "Dies ist ein gutes Deutschland, das beste, das wir kennen", sagte Gauck. Die Konsequenz daraus: Deutschland darf sich nicht wegducken, auch nicht mit Hinweis auf die grauenvolle Nazi-Vergangenheit. "Manchmal kann auch der Einsatz von Soldaten erforderlich sein", erklärte er in München.

Wenige Wochen vorher war bekannt geworden, dass er die Olympischen Winterspiele im russischen Sotschi nicht, wie es üblich gewesen wäre, besuchen wollte. Da war die spätere Annexion der Krim noch kein Thema.

So viel steht fest: Pazifismus ist für den Mann von der Ostsee keine ernstzunehmende Haltung. Und ein Freund Russlands oder des russischen Präsidenten Wladimir Putin wird sicher auch nicht mehr aus dem überzeugten Antikommunisten werden. Das hat natürlich auch mit seiner ungewöhnlichen Biografie zu tun.

Gauck wird am 24. Januar 1940 in Rostock als Sohn eines Seemanns geboren. Der Vater verschwand später in einem sowjetischen Lager, kehrte erst 1955 extrem geschwächt zurück. Viele führen Gaucks Kritik an Russland auf diese einschneidende Erfahrung zurück, wobei er selbst das relativiert. Kritik am totalitären Staat, der Nazis ebenso wie der SED, war immer eine Säule seiner Überzeugungen.

1959 heiratet der Theologie-Student seine Freundin Gerhild, mit der er bis heute verheiratet ist, auch wenn beide seit 1990 getrennt leben. Zehn Jahre später kommt Gauck mit der Journalistin Daniela Schadt zusammen, die ihn 2012 als "First Lady" ins Schloss Bellevue begleitet.

Bis zur Wende 1989 arbeitet Gauck als Pastor in Rostock, gehörte zu den Mitbegründern der Bürgerbewegung Neues Forum. 1990 wird er Abgeordneter der ersten frei gewählten Volkskammer und leitete den "Sonderausschuss zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit".

Leiter der Stasi-Aufarbeitung


Daraus wird dann das Amt, das Gauck berühmt machen sollte: "Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR". Neun Jahre bleibt er in dieser Funktion. Danach ist er als freischaffender Redner tätig, zeitweise auch als Fernsehmoderator.

2010, Horst Köhler ist völlig überraschend zurückgetreten, wird Gauck zum Kandidaten von Rot-Grün für die Nachfolge. Die Kandidatur ist populär, findet breite Unterstützung auch im bürgerlichen Lager. Doch am Ende gewinnt der CDU-Mann Christian Wulff im dritten Wahlgang. Erst 20 Monate später, nach Wulffs Abgang, ist es dann so weit. Gauck wird mit den Stimmen aller Parteien mit Ausnahme der Linken gewählt.

Gauck widerstand von Anfang an der Versuchung, sich wie einige seiner Vorgänger als Sprachrohr der Politikverdrossenen zu profilieren. Immer wieder musste er aber zu dem Satz Zuflucht nehmen, er wolle und dürfe sich nicht in die exekutive Politik einmischen. Daran hielt er sich, auch im Ausland, auch wenn seine ersten vier Jahre durchaus von äußeren Konflikten geprägt waren. Die Finanz- und Schuldenkrise in Europa, die Annexion der Krim, der folgende Konflikt in der Ukraine, dann der Bürgerkrieg in Syrien und die Flüchtlingskrise.

Nicht immer hat Gauck in der Flüchtlingsfrage eine klare Haltung bezogen, jedenfalls keine leicht verständliche. Von "Dunkeldeutschland" sprach er angesichts fremdenfeindlicher Gewalt, aber er warnte auch eher als andere vor naivem Optimismus. "Unser Herz ist weit. Doch unsere Möglichkeiten sind endlich", sagte er am 3. Oktober 2015, dem Tag der Deutschen Einheit.

"Demokratie wagen"


Bei aller Sorge über den Aufstieg der rechtspopulistischen AfD, blieb er bei seiner Botschaft, Deutschland müsse sich etwas zutrauen, auch mehr "Demokratie wagen". Bewusst zitierte Gauck damit am Tag des Grundgesetzes am 23. Mai den SPD-Bundeskanzler Willy Brandt. Leicht sei das nicht, fügte er hinzu, aber Spannungen und Meinungsunterschiede müsse eine Demokratie eben auch ertragen können.
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