Bundespräsident unterwegs in Chile
Der lange Schatten der „Colonia“

Santiago de Chile. Es ist ein recht unscheinbares Denkmal am Rande des Palacio de la Moneda in Santiago de Chile, aber unübersehbar ist es doch. Salvador Allende, der sozialistische Präsident Chiles, dessen Sturz durch das Militär am 11. September 1973 die Diktatur des Generals Augusto Pinochet einleitete. Dessen Schatten fallen noch heute auf das Land. Joachim Gauck kennt das. 350 Kilometer südlich von Santiago liegt der Ort deutsch-chilenischen Grauens, der heute "Villa Baviera" heißt. Ihn besucht Gauck nicht. Die Geschichte der deutschen Terrorsekte "Colonia Dignidad" lässt den Bundespräsidenten bei seinem Besuch nicht los. Auf tragische Weise ist der Schrecken der Colonia verflochten mit dem Schicksal Chiles. Denn der pädophile Sektengründer Paul Schäfer und die Schergen Pinochets waren effiziente Partner. Dritter im Bunde, so sehen es viele: die deutsche Botschaft in Santiago. Es war die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Bei der Wahl der Bündnispartner gegen die linke Bedrohung war man nicht zimperlich. Gauck weiß um die Beschränkungen seines Amtes. Deshalb überließ er wichtige Rollen anderen: seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, seinem Staatssekretär David Gill und dem Regisseur Florian Gallenberger. Gallenberger hat mit seinem Film "Colonia" über das Grauen der Sekte bislang mäßigen kommerziellen Erfolg erzielt. In Chile wollte niemand den Film mit Daniel Brühl und Emma Watson in den Hauptrollen in die Kinos bringen. Doch dann lud Gaucks Partnerin Daniela Schadt in Santiago zu einer Vorführung. "Die Realität war noch viel schrecklicher", sagt ein Zuschauer über den schon ziemlich brutalen Kinofilm. Am Tag danach macht Gauck klar, dass er eine juristische Mitverantwortung Deutschlands für abwegig hält. Vertreter der Opfer sind ohnehin enttäuscht, dass Gauck nicht direkt mit einem der Überlebenden gesprochen hat. Der Rechtsanwalt und ehemalige Bewohner der Colonia Dignidad, Winfried Hempel, sagt am Donnerstag: "Die Bundesrepublik Deutschland ist mitverantwortlich, da sie wusste, was in der Colonia Dignidad vor sich ging."

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