CDU und das Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern
Schlag ins Kontor von Angela Merkel

Angela Merkel und Regierungssprecher Steffen Seibert in Hangzhou (China). Die Bundeskanzlerin verfolgte den Ausgang der Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern beim G20-Gipfel. Bilder: dpa
 
"Die Menschen haben Angst und das Gefühl, abgehängt zu sein. Es ist uns nicht gelungen, diese Angst zu zerstreuen." Zitat: CDU-Generalsekretär Peter Tauber

Es ist ein alarmierendes Signal für Merkels CDU: Die AfD zieht ein Jahr nach der Flüchtlingsentscheidung der Kanzlerin im Nordosten an ihrer Partei vorbei. In der Union hofft man nun, dass Merkels Rezepte bis zur Bundestagswahl 2017 noch greifen.

Berlin/Hangzhou. Es ist ganz still im Konrad-Adenauer-Haus. Kein Raunen, kein Stöhnen. Wie immer an einem Wahl-Sonntagabend klettern die Balken für die Ergebnisprognosen von ARD und ZDF um Punkt 18 Uhr in die Höhe. Doch diesmal ist es anders. Schlimmer. Auch wenn sich die Christdemokraten längst an schrumpfende Prozentzahlen gewöhnt haben dürften - dass die rechtspopulistische AfD die CDU überholt, hat man in der CDU-Zentrale noch nicht gesehen. Ausgerechnet im Nordosten, wo Kanzlerin und Parteichefin Angela Merkel ihre politische Heimat und ihren Bundestagswahlkreis hat.

Frust hinter den Kulissen


Es ist ein Tiefschlag von bundespolitischer Bedeutung, den die Partei jetzt zu verarbeiten hat. Doch auch wenn die CDU-Anhänger in der Parteizentrale leise leiden: Eine Runde älterer Parteimitglieder, alle seit Jahrzehnten in der CDU, lässt den Frust raus. Von einem "Schlag ins Kontor" ist die Rede. Und davon, dass Merkel nicht mehr ihre Kanzlerkandidatin sei. Sie habe sich nicht überlegt, welche Nachwirkungen ihre Flüchtlingsentscheidung von vor einem Jahr haben könnte, klagt eine ältere Dame. Es sei schlicht "traurig, dass kein Parteivorsitzender mal an einen Nachfolgekandidaten denkt".

Dass die AfD mit ihren Anti-Flüchtlingsparolen vor der Kanzlerinnenpartei liegt, ist ein erneutes Warnzeichen für Merkel. Und das ausgerechnet an einem solch symbolhaften Datum: Genau vor einem Jahr, in der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015, hatte Merkel Tausende in Ungarn festsitzende Flüchtlinge ohne große Kontrollen nach Deutschland einreisen lassen. Seither wächst die Kritik an Merkel, ihre Beliebtheitswerte brechen ein.

Dass die AfD im Bund nun auch noch im Emnid-Sonntagstrend für die "Bild am Sonntag" mit 12 Prozent hinter der Union und der SPD auf Platz drei liegt, dürfte den Skeptikern in den eigenen Reihen weiter Auftrieb geben. Ganz zu schweigen von CSU-Chef Horst Seehofer. CDU-Generalsekretär Peter Tauber versucht erst gar nicht, die Lage schön zu reden. Die Menschen hätten Angst und das Gefühl, abgehängt zu sein. "Es ist uns nicht gelungen, diese Angst zu zerstreuen." Zwar habe man Asylpakete und Integrationsgesetze verabschiedet, und weniger Flüchtlinge kämen außerdem. Wahr sei aber auch, dass es Zeit brauche, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

Kanzlerin in China


Merkel ereilen die miesen Zahlen beim G20-Gipfel in Ostchina. In Hangzhou, einer der schönsten Städte des Landes. Als sie die Prognosen von 18 Uhr sieht, ist es im 8500 Kilometer entfernten Hangzhou Mitternacht. Für Merkel ist der Ausgang der Landtagswahl eine Schlappe. Zwar kann das schlechte Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern nicht nur bei ihr verortet werden, denn immerhin steht sie selbst dort nicht zur Wahl. Aber es ist ihr Heimatverband, und die Landes-CDU hat im Wahlkampf mit Merkels Flüchtlingspolitik schwer zu kämpfen gehabt.

So stellt sich auch nun wieder die Frage nach Merkels Zukunft. Tritt sie bei der Bundestagswahl 2017 das vierte Mal als Kanzlerkandidatin an, wenn sie erlebt, wie ihr Rückhalt in der Bevölkerung schwindet? Es gibt nur wenige, die darauf wetten, dass sie aufhören will. Doch manche, die Merkel sehr gut kennen, sagen, dass man sich nicht täuschen solle. Wenn sie das Gefühl habe, für das Land und die Partei nicht mehr die Richtige zu sein, werde sie verzichten.

Die Menschen haben Angst und das Gefühl, abgehängt zu sein. Es ist uns nicht gelungen, diese Angst zu zerstreuen.CDU-Generalsekretär Peter Tauber
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.