Chaos von Köln: Kritik aus den eigenen Reihen
Polizei reagierte viel zu spät

Köln bangt nach den Übergriffen der Silvesternacht um sein Image: Ein Angehöriger eines deutsch-tunesischen Vereins verteilt am Donnerstag in Köln vor dem Hauptbahnhof Blumen an Passantinnen. Bild: dpa

Zu spät, zu schlecht, zu oberflächlich: Die Kritik an der Informationspolitik der Kölner Polizei nach den Übergriffen in der Silvesternacht ist massiv. Nun gibt ein interner Bericht der Bundespolizei Einblick in das Chaos am Hauptbahnhof.

Köln/Berlin. Angesichts der massiven Übergriffe eines kriminellen Mobs auf Frauen in der Kölner Silvesternacht wird der Ruf nach Konsequenzen für Polizeispitze und Politik lauter. So will Kanzlerin Angela Merkel eine verstärkte Debatte über die Grundlagen des kulturellen Zusammenlebens in Deutschland - zugleich sei zu prüfen, ob bisher bei der Ausweisung straffälliger Ausländer genug getan worden sei.

Die Kölner Polizeiführung gerät derweil auch aus den eigenen Reihen zunehmend unter Druck. Sie muss sich des Vorwurfs erwehren, Informationen nicht frühzeitig veröffentlicht zu haben. Unter anderem geht aus einem Einsatzprotokoll eines leitenden Bundespolizisten hervor, dass die Verantwortlichen Ausmaß und Dramatik der Lage in der Kölner Silvesternacht frühzeitig gekannt haben müssen.

Der Bundespolizist befürchtete nach eigenen Angaben beim Einsatz am Hauptbahnhof wegen der angespannten Lage, dass das "Chaos noch zu erheblichen Verletzungen wenn nicht sogar zu Toten führen würde". Während die Kölner Polizei beteuert hatte, erst nach Mitternacht von den sexuellen Übergriffen auf Frauen erfahren zu haben, heißt es in dem Bericht: Die Bundespolizisten seien bereits am Silvesterabend vor 22.45 Uhr von "vielen aufgewühlten Passanten" über "Schlägereien, Diebstähle, sexuelle Übergriffe" informiert worden. Die Situation sei "chaotisch und beschämend" gewesen.

Auf der Suche nach Schuldigen kommt die Polizei bisher nur langsam voran: Es seien inzwischen 16 Verdächtige ausfindig gemacht worden. Einige Verdächtige - alle nordafrikanischer Herkunft - seien vorübergehend festgenommen worden, jedoch vor allem wegen Diebstählen, teils außerhalb von Köln. Bis zum Mittag wurden 121 Strafanzeigen gestellt. Bei etwa drei Viertel der angezeigten Taten hätten die Opfer angegeben, sexuell bedrängt worden zu sein. Merkel sagte in Berlin: "Was in der Silvesternacht passiert ist, das ist völlig inakzeptabel. Es sind widerwärtige, kriminelle Taten, ... die Deutschland nicht hinnehmen wird."

Umfrage: Angst geht um


Nach den Silvester-Übergriffen von Köln will knapp jeder dritte Bürger in Deutschland (30 Prozent) größere Menschenansammlungen meiden. Unter den Frauen sind es dem ARD- "Deutschlandtrend" zufolge sogar mehr als ein Drittel (37 Prozent). Bei der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap sprachen sich 82 Prozent für die nun diskutierte Ausweitung der Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen aus. (Kommentar und Seite 8)

Für GrenzkontrollenEine deutliche Mehrheit der Deutschen hat keine Einwände gegen Ausweiskontrollen an Deutschlands Grenzen. Mehr als 20 Jahre nach dem Wegfall der Grenzkontrollen zu einigen EU-Partnern sprechen sich 57 Prozent der Bundesbürger im ARD-"Deutschlandtrend" dafür aus, solche Überprüfungen angesichts des Zuzugs von Flüchtlingen wieder zu verstärken. Im September 2015, als an der deutsch-österreichischen Grenze Kontrollen aufgenommen wurden, waren es erst 45 Prozent, die sich dafür aussprachen. Eine Obergrenze für den Flüchtlingszuzug, wie sie derzeit etwa von der CSU gefordert wird, verliert in der Bevölkerung an Zustimmung. 61 Prozent sprechen sich für die Einführung einer Obergrenze aus - das waren 11 Punkte weniger als im Dezember. (dpa)
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