Chinesen sehen das anders

Die Studenten in Hongkong wollen nicht aufgeben. Am Montagmorgen bauten sie die Barrikaden wieder auf, die zuvor von der Polizei wegegeräumt worden waren. Bild: dpa

Mit Neugier, aber auch Befremden verfolgen viele der rund 10 000 chinesischen Studenten in Hongkong die Proteste. Sie wecken zwiespältige Gefühle und gelten als aussichtslos.

Es ist ein kleines Detail, das an den Studenten aus China sofort auffällt. Der Blick schweift über die Klamotten, den Rucksack, die Handgelenke. Sie fehlt, die gelbe Schleife, das Protestsymbol Hongkongs, das die Anhänger der Studentenbewegung stolz an der Kleidung tragen. Viele der schätzungsweise 10 000 Studenten aus China, die in der ehemaligen britischen Kolonie studieren, haben ambivalente Gefühle gegenüber den Protesten. Auf eine Seite stellen wollen sie sich in diesem Konflikt nicht. Doch was denken sie über zivilen Ungehorsam und Forderungen nach Demokratie?

"Wir denken da anders", sagt Ming, die seit sechs Jahren in Hongkong lebt, an der Chinesischen Universität studiert und ihren wirklichen Namen nicht nennen möchte. Sie stellt das Verhalten der Studenten und der Unterstützer der Occupy-Central-Bewegung infrage. Denn für die 24-Jährige ist klar: Die Regierung der Volksrepublik China, zu der Hongkong seit der Rückgabe im Jahr 1997 als autonom regierte Sonderverwaltungsregion gehört, werde niemals nachgeben.

"Die Protestierenden blockieren die Straßen und machen den Menschen das Leben schwer, ohne dass sie wirklich Aussicht auf Erfolg haben", sagt die 24 Jahre alte Studentin aus der Südprovinz Guangdong. Denn in China meiden die Leute Aufruhr, weil da nichts sicher sei. An eine Ausbreitung der Proteste glaubt sie nicht. Die Regierung würde das unterbinden. Der Student Hongyi - auch er heißt in Wirklichkeit anders - ist vor einem Jahr aus China nach Hongkong gezogen und beäugt den Protest kritisch. Als eine Revolution versteht er ihn nicht. Die Demonstration der Menschen, die auf den Straßen des Finanzzentrums sitzen und sich Essen und Trinken teilen, bezeichnet er als "Treffen". Die Proteste sieht er eher als eine "Bitte". "Es ist so überraschend, wie ruhig sie sind", sagt der 24-Jährige, der gerade sein Masterstudium abgeschlossen hat.

Zu ungeduldig

Die Studenten aus China sind überzeugt, dass die Hongkonger zu viel in zu kurzer Zeit verändern wollen. Die chinesische Gesellschaft habe ihre Wurzeln in der Landwirtschaft, erklären sie. Veränderungen nähmen mehr Zeit in Anspruch und erfolgten in Etappen. Schritt für Schritt sollten es die Menschen in Hongkong angehen und nichts überstürzen. Trotzdem versteht Hongyi die Frustration über die soziale Ungerechtigkeit. Auch er würde gerne in der Zukunft in der Finanzmetropole leben. "Aber nicht unter diesen Bedingungen", sagt er mit Blick auf die horrenden Mieten. Angeschaut hat er sich die Masse der Demonstrierenden in der Innenstadt schon. Für ihn ist es das erste Mal, so etwas zu erleben.

Chinesen legten Wert auf Stabilität und Kontinuität, sagen die Studenten. Gepaart mit wirtschaftlichem Wachstum sei es das Erfolgsprinzip des Landes. "Gewinn stärken, Verlust meiden", benennt Hongyi diese Mentalität. Proteste passen da nicht so richtig ins Bild. Die Protestierenden hier in Hongkong stecken jetzt in einem Dilemma. Wenn sie aufgeben, verlieren sie. "Das würden Chinesen nicht riskieren", sagt Ming. Und was ist mit Demokratie?

Die wirtschaftliche Entwicklung lenke viele von der Politik der Kommunistischen Partei ab. Die Mittelklasse in China sei zufriedener als die in Hongkong. "Solange die Menschen zufrieden sind, brauchen sie nicht zu protestieren und sollten es auch nicht", sagt Hongyi. Er hat den Eindruck, dass es den Chinesen ganz gut geht. Er schimpft darüber, dass Menschen von außerhalb denken, Chinesen wüssten nicht, was Demokratie ist. Für ihn steckt in jeder Freiheit aber auch eine Unfreiheit und Demokratie hat nach seiner Ansicht auch ihre Schwächen. Dessen sollten sich die Hongkonger bewusst sein.

Entscheidung akzeptieren

"Sie sollten die Entscheidungen der Regierung akzeptieren. Sie sind ein Teil von China", sagt er. Aber die Hongkonger wehrten sich strikt dagegen, als Chinesen bezeichnet zu werden. "Man fühlt, dass sie sich von uns abgrenzen", sagt Ming. Sie glaubt, dass die Hongkonger Angst haben, ihre Position als Finanzzentrum zu verlieren - denn darauf sind sie sehr stolz. Doch Shanghai und Peking sind auf dem Vormarsch.

Die Studentin ist überzeugt, dass die Menschen in Hongkong Demokratie wollen, um sich von China abzuheben. "Sie glauben, dass wir das nie erreichen werden", sagt Ming und fragt: "Aber verbessert Demokratie wirklich die Lebensqualität?" Ihre Großeltern waren Bauern. Ihren Eltern ist durch Bildung der Aufstieg gelungen. Sie lebt in Hongkong.

Solange es ihr und denen um sie herum gut geht, will sie das System nicht infrage stellen. "Irgendwann braucht China Demokratie - aber in was für einer Form?"
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