Christenverfolgung nimmt weltweit zu
Schlimmer als im Alten Rom

Pfarrer Issac Achi (rechts) versucht im Dezmber 2011 vor der Katholischen Kirche St. Theresa in Madalla (Nigeria) die Menschenmenge zu beruhigen. Bei islamistischen Terrorangriffen sterben immer wieder Christen. Archivbild: dpa

Am zweiten Weihnachtstag gedenkt die katholische Kirche des ersten christlichen Märtyrers Stephanus und aller verfolgten Christen weltweit. Papst Franziskus rief via Twitter zum Gebet auf. Wie steht es heute?

Bonn. Christen werden heute schlimmer verfolgt als im alten Rom - so schreibt Papst Franziskus im Vorwort zu einer neuen Bibelausgabe für Jugendliche. Auf 100 Millionen der rund 2,3 Milliarden Christen beziffert das evangelikale Hilfswerk Open Doors die Zahl der "Verfolgten". Doch die beiden großen Kirchen in Deutschland halten diese Zahl für wenig seriös und nicht überprüfbar. Tragfähige niedrigere Zahlen nennen sie in ihrem "Ökumenischen Bericht zur Religionsfreiheit von Christen weltweit" aber ebensowenig wie das US-Außenministerium in seinem Jahresbericht zur Religionsfreiheit. Häufig wird formuliert, die Christen seien nicht nur die größte, sondern auch die zahlenmäßig am meisten bedrängte Religionsgruppe weltweit, gefolgt von Muslimen.

Fast drei Viertel der Weltbevölkerung leben nach Angaben des amerikanischen Forschungsinstituts Pew Research Center in Ländern mit religiösen Repressionen; 2011 waren es erst 50 Prozent. In fünf der sieben bevölkerungsreichsten Länder der Welt mit insgesamt 3,3 Milliarden Einwohnern (bei 7,3 Milliarden Menschen weltweit) werden Christen auf die eine oder andere Art wegen ihres Glaubens verfolgt: in China, Indien, Indonesien, Pakistan und Nigeria.

Extremisten als Täter


Der weitaus größte Teil von Ländern mit massiver Christenverfolgung hat eine muslimische Bevölkerungsmehrheit. Dazu kommen einige kommunistische, kommunistisch verbrämte oder sonstige Diktaturen in Asien sowie eine stark zunehmende Zahl von Konfliktstaaten in Afrika - wo zudem islamistischer Terror deutlich auf dem Vormarsch ist. Der mit Abstand wichtigste Beweggrund für Christenverfolgung weltweit ist islamischer Extremismus, sei es als Fundamentalismus oder in Form von Gewalt und Terrorismus (IS, Al-Kaida, Taliban, Al-Shabaab, Boko Haram). Zweiter Hauptgrund für Christenverfolgung sind verschiedene Formen von Despotismus, etwa im kommunistischen Nordkorea, in Vietnam oder in China.

Eine Definition und Bezifferung von Verfolgung ist aber äußerst schwierig, gibt es doch die unterschiedlichsten Spielarten und Empfindungen von Verfolgung und Verfolgtsein. Am augenfälligsten ist Gewalt: Hinrichtung, Ermordung, Verstümmelung, Geiselnahme, Versklavung. Andere sind behördlicher oder sozialer Druck, Ächtung in allen Lebensbereichen, Konversions- und Blasphemiegesetze, Ungleichheit vor dem Gesetz, Drohungen, Übergriffe durch Einzeltaten (Pakistan), politische oder berufliche Benachteiligung, Diskriminierung in Schule und Bildung sowie die Beschränkung der Religions- und Kultusfreiheit.

Eine weitere staatliche Praxis sind Gewährenlassen und Straffreiheit, zum Beispiel bei spontanen oder organisierten Mobs (Indien und Pakistan) oder auch in von Drogenkriminalität geplagten Ländern Südamerikas wie Kolumbien oder Mexiko, wo engagierte Christen den Drogenbaronen moralisch im Weg sind.

Am einfachsten zu bewerkstelligen scheint Christenverfolgung dort zu sein, wo staatliche Strukturen äußerst schwach (Somalia, Afghanistan, Irak) oder besonders stark ausgebildet sind (Nordkorea, Saudi-Arabien). Im konfliktfreien, aber stark regulierten Singapur gibt es eine staatlich verordnete Religionsfreiheit; Proselytenmacherei ist streng untersagt.

Schwierige Abgrenzung


Sehr schwierig ist die Abgrenzung bei Konflikten, die entlang ethnisch-religiöser Linien verlaufen, so etwa in der Zentralafrikanischen Republik, in Zentralnigeria oder zwischen dem Sudan und dem Südsudan. Im ersten Fall geht es um soziale Hoffnungslosigkeit, im zweiten um Herden und Land, im dritten um Öl. Ein Gegenbeispiel: In Burundi droht ein Völkermord zwischen zwei christlichen Ethnien. Niemand würde aber dort von Christenverfolgung sprechen.
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