Das Kohle-Dilemma: Klima oder Strompreis

Viele Kohlekraftwerke sind zu rentabel, als dass die Erzeuger freiwillig auf sie verzichten würden. Bild: dpa

Erreichen Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Gabriel noch ihr Klimaziel? Nur wenn sie Kohlekraftwerke schließen, sagen Experten. Berechnungen von Energieversorgern zeigen: Das hätte Auswirkungen auf den Strompreis.

Der Druck ist groß. Hinter den Kulissen wird überlegt, wie man sich aus einem komplizierten Dilemma befreien kann. Um das deutsche Klimaziel von 40 Prozent weniger Treibhausgasemissionen bis 2020 zu schaffen, müssen 62 bis 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich eingespart werden. Ohne das Abschalten einiger Kohlekraftwerke wird das nicht gehen. Bisher hat Kanzlerin Angela Merkel kein Machtwort gesprochen, ob sie das Klimaziel schaffen will - oder lieber die günstigen Kraftwerke erhalten und so den Strompreis stabilisieren will.

Wie viele Kohlekraftwerke könnten abgeschaltet werden?

Das Bundeswirtschaftsministerium hat ein Szenario durchspielen lassen, bei dem je 5000 Megawatt an Braun- und Steinkohlekraftwerken aus dem Markt genommen werden, das entspricht etwa zehn Kraftwerken. Derzeit gibt es laut Umweltministerium eine gesicherte Leistung von 110 000 Megawatt. Aber selbst an kalten Wintertagen gibt es bei kaum zur Verfügung stehender Wind- und Solarenergie einen Bedarf von nur 83 000 Megawatt (MW). Daher sehen Fachleute Spielraum, bis zu 10 000 MW aus dem Markt zu nehmen.

Warum könnte das den Strompreis erhöhen?

Wegen des hohen Ökostrom-Anteils und der vielen Kohlekraftwerke gibt es ein Überangebot an vielen Tagen. Weniger Kraftwerke würden den Einkaufspreis erhöhen. Ein Versorger rechnet mit 1,70 Euro mehr je Megawattstunde, ein anderer mit rund 5 Euro mehr. Am Dienstag kostete diese rund 46 Euro. Für Verbraucher wären das 4,6 Cent die Kilowattstunde nur für den Strom. Hinzu kommen Netzentgelte, Steuern, Abgaben und Umlagen, so dass sie rund 29 Cent zahlen, im Jahr bei 3500 Kilowattstunden Verbrauch 1015 Euro. Da ein höherer Börsenstrompreis nicht 1:1 weitergegeben werden muss, dürfte der Strompreis weniger stark steigen.

Droht wegen des Atomausstiegs bei der Abschaltung von rund zehn Kohlekraftwerken nicht mittelfristig ein Versorgungsengpass?

Das ist möglich: Auch wenn es jetzt Überkapazitäten gibt, droht wegen der schrittweisen Abschaltung der restlichen neun Atomkraftwerke eine Lücke bei der gesicherten Leistung - die würde sich durch ein Rausnehmen von zehn Kohlekraftwerken nach Angaben der Branche auf bis zu 7000 Megawatt 2020 erhöhen. Es sei denn, es werden bis dahin mehr Kraftwerke als geplant neu gebaut.

Kann das Klima-Problem ohne Abschaltungen gelöst werden?

Der für Kraftwerke zuständige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will, dass die Unternehmen in ihrer Entscheidung frei bleiben - aus Sorge, sich nach den Atomklagen weitere Schadenersatz-Forderungen einzufangen. Bei höherem Börsenstrompreis könnten Erzeuger mit anderen Kraftwerken mehr verdienen, aber viele Kohlemeiler werfen zu viel Geld ab, um darauf zu verzichten.

Denkbar ist auch eine andere Lösung. Wegen der niedrigen Börsenstrompreise rechnen sich gerade im Betrieb teurere, aber klimafreundlichere Gaskraftwerke nicht mehr. 2015 will Gabriel eine Strommarkt-Reform angehen. Damit es genug Leistung gibt, wäre ein Modell mit Extra-Prämien für eine Stromliefergarantie rund um die Uhr denkbar. Ist diese an einen CO2-Grenzwert gekoppelt, könnten Dreckschleudern unrentabel werden, Investitionen attraktiver. Klar ist nur: Die Branche braucht Planungssicherheit.
Weitere Beiträge zu den Themen: Politik (7296)Berlin (7520)November 2014 (8193)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.