Debakel für den SPD-Chef
Nur 74,3 Prozent für Gabriel

Der Parteitag endet für Sigmar Gabriel im Debakel. Ein Viertel der SPD fürchtet sich vor dem Mitte-Kurs des Vorsitzenden, mit dem er 2017 eigentlich die Wahl gewinnen will. Kann er noch Kanzlerkandidat werden?

Berlin. Es ist ein Schock für Sigmar Gabriel. Eine kleine Ewigkeit sitzt er regungslos auf seinem Stuhl. Sein Gesicht wirkt wie eingefroren. Nur 74,3 Prozent bei der Wiederwahl. Das ist ein Misstrauensvotum für den Vorsitzenden und Vizekanzler, das kaum schlimmer hätte ausfallen können. Es ist das zweitschlechteste Ergebnis eines SPD-Chefs in der Nachkriegsgeschichte. 1995 hatte Oskar Lafontaine in Mannheim 62,6 Prozent bekommen - aber unter anderen Vorzeichen. Damals war das für Lafontaine ein Triumph in der Kampfabstimmung gegen Rudolf Scharping. Gabriel scheint gegen 15.20 Uhr innerlich mit sich zu ringen. Dann strafft er sich und macht das, was er mit dem Rücken zur Wand oft tut. Er kämpft und meint sarkastisch zur Reaktion der Delegierten im Saal, die sich erhoben haben und klatschen: "Man muss nicht erst auf'm Stimmzettel dagegen stimmen und dann aufstehen. Das macht auch keinen Sinn."

Trotzige Reaktion


Er wisse schon, wie die Schlagzeilen jetzt lauten würden: "Gabriel abgestraft ... und das ist ja auch so." Die Bürger im Land würden sich nach dieser Abstimmung fragen, kann man einer SPD trauen, die sich selbst beim eigenen Vorsitzenden nicht sicher ist.

In der Not versucht er, das Beste aus dem Tiefschlag zu machen. Jetzt sei heraus, dass 25 Prozent in der SPD seinen Kurs nicht mittragen wollten. "Ich verstehe das Ergebnis wie folgt: jedem ist klar, was ich will", ruft er in den Saal. Und fügt ziemlich kaltschnäuzig nach so einem Denkzettel hinzu, jetzt sei eben mit Drei-Viertel-Mehrheit entschieden, "wo's langgeht". Wirklich? Kann der Goslarer noch Kanzlerkandidat werden? Nach dieser Klatsche gibt es daran ernsthafte Zweifel. Aber wer sollte es sonst machen? Frank-Walter Steinmeier will sich das nicht noch einmal antun. Andrea Nahles kann warten, bis Gabriels Zeit vorbei ist. "Ein bisschen Wind wirft Dich nicht um. Wir brauchen Dich", sagt sie zum Niedersachsen.

Ob und wie sich Gabriel von diesem Parteitag rasch erholen soll, ist völlig offen. Bei den Landtagswahlen im März im Südwesten drohen Schlappen. Angela Merkel und die Union dürften sich aber nur auf den ersten Blick die Hände reiben. Ein schwer angeschlagener Gabriel dürfte ein weniger berechenbarer Koalitionspartner sein.

Hohl klingt nun dessen zentrale Botschaft seiner Rede an die Partei: "Wir wollen Deutschland wieder regieren und nicht nur mitregieren. Natürlich vom Kanzleramt aus. Wo denn sonst?"

Berlin. Peinliche Technik-Panne beim SPD-Parteitag: Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wollten die Genossen ihre Spitzenleute komplett digital wählen. Die etwa 600 Delegierten bekamen am Freitag in Berlin dazu Mini-Computer. Als alle Stimmen abgegeben waren, ertönte die Durchsage von Abstimmungsleiterin Doris Ahnen: "Das hat nicht geklappt." Nach minutenlangem Rätselraten, ob ein zweites Mal die Tablets zum Einsatz kommen, blies Ahnen die digitale Revolution kurzerhand ab. Wie gewohnt wurden Stimmzettel verteilt.

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