Debatte um die Rente
Weniger und kürzer

Wir müssen uns auf die demografische Entwicklung vorbereiten.

Die Lebenserwartung steigt - soll der Rentenbeginn nach hinten verlegt werden? Was Wolfgang Schäuble fordert, ist für viele ein Tabu.

Berlin. 63, 65, 69 oder 70 - wann soll die Rente beginnen? In gediegener Runde mit Blick auf den Berliner Wannsee malte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) aus, was getan werden sollte. Die Lebensarbeitszeit, so Schäuble, sollte an die im Schnitt steigende Lebenserwartung gekoppelt werden. Konkreter wird die Junge Union (JU): Ab 2030 soll laut JU das Rentenalter schrittweise von 67 auf 70 Jahre steigen. Schäuble redete vor einem überwiegend wirtschafts-liberalen und durchaus schon älteren Publikum, Kunst an den Wänden, Feuer im Kamin. Doch welchen Stellenwert haben seine Gedankenspiele zum längeren Arbeiten in der Debatte um eine nächste Rentenreform?

Riester gescheitert?


An allen Ecken und Enden der Altersvorsorge scheinen die führenden Politiker von Union und SPD plötzlich gleichzeitig anpacken zu wollen. CSU-Chef Horst Seehofer hält die Riester-Rente für gescheitert. SPD-Chef Sigmar Gabriel will das Rentenniveau stabilisieren - und nun Schäuble. Doch könnten die Dinge durchaus zusammenpassen.

Bereits in den vergangenen Jahren arbeiteten die Menschen länger. Das durchschnittliche Rentenzugangs- alter stieg von 63,1 Jahren 2004 auf 64,1 Jahre 2014. 53 Prozent der 60- bis 65-Jährigen arbeiten noch. Zehn Jahre zuvor waren es nur 25 Prozent. Die Rente reicht für viele aber nicht zum Leben. 32 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen in den alten Ländern bekommen weniger als 750 Euro Rente pro Monat. In den neuen Ländern sind es 17 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen. Vermögen oder hohe Partnereinkommen können aber durchaus zu einem auskömmlichen Leben führen. Nur rund 400 000 Rentner bekamen zusätzlich Grundsicherung.

Doch das Rentenniveau - die Rente im Verhältnis zu den Löhnen - sinkt. Von derzeit etwa 48 auf voraussichtlich knapp 45 Prozent im Jahr 2029. Es ist aber teuer, das Rentenniveau zu stabilisieren, wie es Gabriel verlangt, oder gar anzuheben, wie es Linke, Sozialverbände und Gewerkschaften fordern. Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer präsentiert Horrorzahlen: Mehr als 60 Milliarden Euro würde ein Niveau von 50 Prozent im Jahr 2030 kosten, warnt er. Unter Druck ist die Rentenkasse, weil nun die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen. Und weil die Lebenserwartung steigt.

Nun erst die Flexi-Rente


Wie passt das zur Forderung nach einem höheren Rentenniveau? Nicht ausgeschlossen ist, dass die Politik am Ende über Kompromisse spricht - nach dem Motto: höhere Renten, dafür Koppelung des Pensionsalters an die Lebenserwartung im Rentenalter. Doch so weit ist es längst nicht. Offiziell reicht derzeit die Anhebung der Altersgrenze auf das 67. Lebensjahr bis 2029. "Eine wichtige rentenpolitische Maßnahme" ist das laut dem jüngsten Rentenbericht der Regierung. Nur so könne der Beitragssatz begrenzt und ein Mindestsicherungsniveau eingehalten werden.

Die nächsten Schritte scheinen klar. Nun soll erstmal die Flexi-Rente kommen: Wer bereits mit 63 in Teilrente geht, soll mehr vom Zuverdienst behalten können. Arbeiten über die reguläre Altersgrenze hinaus soll sich stärker auszahlen. Vorschläge für die Mindest- oder Lebensleistungsrente will Arbeitsministerin Andrea Nahles auch dieses Jahr noch machen - Kleinrenten sollen aufgewertet werden, möglichst nur bei Bedürftigen. Kommt noch mehr? Ein höheres Rentenniveau ist für die einen ein Tabu, längeres Arbeiten für die anderen - mit wachsendem Reformdruck könnten Tabuschwellen sinken. (Kommentar)
Wir müssen uns auf die demografische Entwicklung vorbereiten.Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU)
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