Der EU-Flüchtlingspakt und die Folgen
Lesbos fürchtet Dretüreffekt

Ich rekapituliere: Wir lassen also die Menschen weiterhin über das Meer reisen, um sie anschließend zurückzuschicken? Und die Schleuser verdienen sich weiterhin eine goldene Nase?

Auf der griechischen Insel Lesbos schütteln viele nach dem Flüchtlingspakt nur den Kopf. Auch am Wochenende setzen Flüchtlinge in Schlauchbooten aus der Türkei über. Helfer befürchten einen Drehtüreffekt.

Lesbos. Zehn voll besetzte Schlauchboote erreichten in den frühen Morgenstunden des Sonntags die Ostküste der griechischen Insel Lesbos. Viele weitere wurden in derselben Nacht auf dem offenen Meer gerettet; allein der deutsche Seenotkreuzer "Minden" der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger nahm 77 Menschen aus einem heillos überfüllten Schlauchboot an Bord. Die Rettung vor Lesbos ist mittlerweile gut organisiert, ebenso die Unterbringung auf der Insel. Noch - denn jetzt gilt der europäisch-türkische Flüchtlingspakt, und der stellt alles auf den Kopf.

Bürgermeister rätselt


Spyros Galinos, Bürgermeister von Lesbos, hat sie alle empfangen: Martin Schulz, den Präsidenten des EU-Parlaments; Dimitris Avramopoulos, den Migrationskommissar der Europäischen Union (EU); sogar Angelina Jolie, die UN-Botschafterin für Flüchtlinge. Allein, gehört wurde der Inselchef nicht. Und so sitzt Galinos jetzt ratlos in einem Café am Hafen von Mytilini und rätselt über Sinn und Unsinn des Flüchtlingspakts. "Ich rekapituliere: Wir lassen also die Menschen weiterhin über das Meer reisen, um sie anschließend zurückzuschicken? Und die Schleuser verdienen sich weiterhin eine goldene Nase?" Für einen, der von jeher forderte, die Registrierung der Migranten in der Türkei vorzunehmen, damit die Menschen die gefährlich Reise über das Meer nicht auf sich nehmen müssen und gleichzeitig den Schmugglern das Handwerk gelegt wird, ist das nur schwer verständlich.

Genauso unverständlich wie der Zeitrahmen: "Da suchen sie ein Jahr lang nach einer Lösung, und plötzlich heißt es: 'So, wir haben uns geeinigt, Ihr setzt das ab Sonntag um.' Wie, ab Sonntag? Meinen die das ernst?" Galinos weiß es nicht, er weiß nur, dass aus Athen eine Order an die Polizeibehörde erging, von Sonntag an alle neu ankommenden Flüchtlinge in das Auffanglager Kara Tepe zu bringen. Damit aber ist er nicht einverstanden. "Wir haben die Situation hier mit verschiedenen Auffanglagern sehr gut im Griff. Wir haben bewusst Syrer anderswo untergebracht als afghanische Staatsbürger. All das gerät jetzt aus den Fugen."

Fragt man die freiwilligen Helfer, die an den Stränden der Insel Wache schieben, um Flüchtlingsboote rechtzeitig zu entdecken und sicher an Land zu lotsen, fällt die Reaktion ähnlich aus. "Brüssel ist genauso weit von Lesbos entfernt wie zuvor - wenn nicht weiter", sagt einer. Welche Auswirkungen der Pakt haben wird, darüber können die Hilfsorganisationen nur spekulieren. Schon jetzt aber registrieren sie, dass die Migranten eher wieder mitten in der Nacht übersetzen, statt die Morgendämmerung abzuwarten. Sie möchten nicht entdeckt werden, denn vielleicht lässt sich dadurch ja die Rückführung in die Türkei vermeiden.

Flüchtlingswelle hält an


Aus diesem Grund befürchten sie auf Lesbos einen Drehtüreffekt: Die Flüchtlinge kommen, werden zurückgeschickt und versuchen es wieder, in der Hoffnung, es doch zu schaffen. In einem sind sie sich einig. Galinos bringt es auf den Punkt: "Man hat uns die Frontex geschickt, man hat uns die Nato geschickt, und jetzt hat man einen Flüchtlingspakt beschlossen. Aber wer vor Bomben flieht, wird weiter versuchen, nach Europa zu gelangen."
Ich rekapituliere: Wir lassen also die Menschen weiterhin über das Meer reisen, um sie anschließend zurückzuschicken? Und die Schleuser verdienen sich weiterhin eine goldene Nase?Spyros Galinos, Bürgermeister von Lesbos
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