Der Grenzöffner

Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich.

Er war einer der letzten Überlebenden aus der politischen Führung der DDR. Mit einem Satz von ihm fiel das SED-System wie ein Kartenhaus zusammen. Jetzt ist Günter Schabowski gestorben.

Vor 26 Jahren verkündete er fast beiläufig die Öffnung der Mauer. Nun ist der Ex-SED-Funktionär Günter Schabowski in einem Berliner Pflegeheim im Alter von 86 Jahren gestorben, wie seine Witwe Irina Schabowski der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag mitteilte. Schabowski war seit langem schwer krank, wurde betreut und trat nicht mehr öffentlich auf.

Als Mitglied des Politbüros hatte er am 9. November 1989 für eine Weltsensation gesorgt: Er verkündete auf einer Pressekonferenz die Öffnung der Berliner Mauer. Als Mitglied des SED-Politbüros hatte er eine neue DDR-Reiseverordnung vorgestellt, nach der künftig Reisen in den Westen erlaubt werden sollten. Auf Nachfrage stammelte Schabowski vor laufenden Kameras: "Das tritt nach meiner Kenntnis ... ist das sofort ... unverzüglich". Die Nachricht machte rasend schnell die Runde, noch in der Nacht fiel die Mauer.

"Ein untaugliches System"

Das Berliner Landgericht verurteilte ihn im August 1997 als Mitverantwortlichen für das menschenverachtende DDR-Grenzregime zu drei Jahren Haft wegen Totschlags. Der Bundesgerichtshof bestätigte das Urteil. Schabowski wurde im September 2000 begnadigt und nach weniger als einem Jahr aus dem offenen Vollzug aus dem Berliner Gefängnis Hakenfelde entlassen.

Schabowski bekannte immer wieder, er trauere der DDR nicht nach. Als erster Politiker aus der SED-Spitze hatte er Abgesandte der Bürgerbewegung "Neues Forum" empfangen und versucht, die Wende mitzugestalten. Doch viele nahmen ihm seine persönliche Wandlung nicht ab. Für die SED-Nachfolgepartei PDS, die ihn im Januar 1990 ausschloss, fand Schabowski nur harte Worte. Er bekenne sich zu Mitverantwortung und moralischer Schuld, hatte der einstige Hardliner gesagt. "Die DDR ist an sich selbst zugrundegegangen, weil sie ein untaugliches System darstellte."

Als ihm neben dem letzten DDR-Staats- und Parteichef Egon Krenz vor dem Berliner Landgericht der Prozess gemacht wurde, räumte er ein, nichts könne rechtfertigen, dass auch nur ein einziger Flüchtling, "der uns den Rücken kehren wollte, dafür mit dem Leben bezahlen musste".
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