Der Kampfeinsatz endet - der Krieg bleibt

Im Distrikt Char Darah in der Unruheprovinz Kundus musste die Bundeswehr ihre härtesten Gefechte bestehen. Bis kurz vor ihrem Abzug aus Kundus im Oktober 2013 patrouillierten deshalb deutsche Soldaten durch die Dörfer des Distrikts. Die letzten deutschen Soldaten, die in Char Darah und in Kundus im Einsatz waren, gehörten zur Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" aus Amberg. Der stellvertretende Gouverneur von Kundus, Hamdullah Daneschi, nennt den Rückzug der Nato voreilig. "Es gibt Dinge zu erledigen, die wir ohne

13 Jahre kämpfte die Isaf in Afghanistan. Nun endet der Einsatz, ohne dass er Afghanistan Sicherheit gebracht hätte. Die Isaf hält ihre Mission trotzdem für erfüllt. Kritische Stimmen sprechen dagegen von einem "Inferno", das die Schutztruppe hinterlässt.

Es ist früher Abend am 10. Dezember in der ostafghanischen Provinz Parwan, drei Wochen später wird der Nato-Kampfeinsatz am Hindukusch enden. Fünf junge Männer haben sich in einem Garten neben einer Moschee versammelt, um für die Aufnahmeprüfung der Universität zu lernen. Ihr Tod kommt wie aus dem Nichts: Eine Drohne feuert eine Rakete ab, die nach Angaben der afghanischen Behörden einen Taliban-Kommandeur hätte treffen sollen. Von seinem Sohn seien "nur Fleischstücke" übrig geblieben, sagt der 46-jährige Vater Khan Agha.

Aghas Urteil fällt entsprechend vernichtend aus: "Wenn sie solche Sachen machen, hassen wir sie", sagt er. "Warum töten sie Unschuldige?" Dass die allermeisten Zivilisten im Afghanistan-Krieg von den Taliban getötet werden, ist für den trauernden Familienvater in diesem Moment ohne Belang. Der Tod von Zivilisten ist einer der größten Kritikpunkte am Kampfeinsatz der von der Nato geführten Schutztruppe Isaf, der zum Jahresende ausläuft. Als die Truppen Ende 2001 in Marsch gesetzt wurden, hätte wohl niemand damit gerechnet, dass der Einsatz 13 Jahre dauern würde - und dass an dessen Ende fast 2800 Gefallene aus mehr als zwei Dutzend Ländern betrauert werden müssen.

Isaf: Auftrag erfüllt

Ob der Einsatz trotz des Blutzolls ein Erfolg war, hängt vom Standpunkt des Betrachters ab. Isaf-Vizekommandeur Carsten Jacobson hält die Ziele für erreicht. "Was der Isaf ins Auftragsbuch geschrieben war, ist erfüllt", sagt der Bundeswehr-Generalleutnant. Die Isaf habe die Bildung einer Regierung und den Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte ermöglicht, an die sie nun die Verantwortung abgegeben habe. Auch der erste friedliche Machtwechsel in Afghanistan wäre nach Einschätzung Jacobsons ohne die Schutztruppe nicht möglich gewesen.

Tatsächlich ist all das mit Hilfe der Isaf erreicht worden - und noch mehr. Dank des internationalen Engagements ist Afghanistan zwar immer noch ein extrem armes Land, aber - anders als unter dem Taliban-Regime - nicht mehr in der Steinzeit verhaftet. Rund zehn Millionen Kinder gehen zur Schule, die medizinische Versorgung und die Infrastruktur wurden deutlich verbessert.

Doch die Liste der Probleme ist mindestens ebenso lang. Weiterhin ist Afghanistan der größte Drogenproduzent und eines der korruptesten Länder. Vor allem aber ist es der Isaf - die auf Englisch das Wort "Security" im Namen führt - nicht gelungen, Sicherheit zu bringen. Graeme Smith von der International Crisis Group (ICG) in Kabul meint: "Verglichen mit der Sicherheitslage, als Isaf begann, ist Afghanistan heute ein Inferno." Jacobson sagt: "Afghanistan bleibt ein Land, in dem Krieg geführt wird."

Und die Gewalt eskaliert. In den ersten elf Monaten des Jahres verzeichneten die Vereinten Nationen mehr zivile Opfer als je zuvor. 3188 Zivilisten wurden getötet, 6429 verletzt. 75 Prozent der Opfer gingen nach UN-Angaben auf das Konto von Aufständischen wie die Taliban, die Isaf verantwortete in ihrem letzten Einsatzjahr nach eigenen Angaben weniger als ein Prozent.

Bis Mitte November wurden nach Angaben des Innenministeriums außerdem mehr als 6000 Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte getötet - nach 4300 im Jahr 2013. "Die Zahlen sind zu hoch", sagt Jacobson. "Die Zahlen müssen reduziert werden. Und das wird ein ganz wesentlicher Bestandteil der Unterstützung, Beratung und Arbeit sein, die wir zu leisten haben."

"Wir" - das ist die Isaf-Nachfolgemission "Resolute Support", die Jacobson ebenfalls als Vizekommandeur führen wird. Sie wird sich auf Ausbildung und Beratung afghanischer Sicherheitskräfte konzentrieren, aber keinen Kampfauftrag mehr haben. Mit rund 12 000 Soldaten - darunter bis zu 850 Deutsche - wird sie viel kleiner sein als die Isaf, die zu Spitzenzeiten mehr als das zehnfache Personal umfasste. Ab Herbst 2015 werden auch wieder mehrere hundert Soldaten der Panzerbrigade 12 "Oberpfalz" aus Amberg zum deutschen Kontingent gehören.

Optimistische Pläne

Die Soldaten von "Resolute Support" werden nur ein Jahr lang in der Fläche bleiben und sich dann auf Kabul konzentrieren. Nach einem weiteren Jahr soll der Einsatz enden: Die Amerikaner, die größten Truppensteller, wollen ihre Soldaten dann fast vollständig abziehen. Schon vor Beginn der Mission mehren sich Zweifel daran, ob die Zeit reichen wird.
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