Der Klimavertrag von Paris ist ein Erfolg für Hollande
Druchbruch zur Begrenzung der Erderwärmung

"Auf Wiedersehen, fossile Brennstoffe" steht auf dem aus Pappe gebastelten Rettungsring dieses Kindes am Rande de Klimagipfels.
 
Die Generalsekretärin des Sekretariats der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), Christiana Figueres, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der französische Außenminister Laurent Fabius und der französische Präsident François Hollande (von links) feiern die Annahme des Weltklimavertrages. Bild: dpa

In der Innenpolitik agiert die französische Regierung eher glücklos. Umso schöner ist es für sie, dass sie mit viel diplomatischem Geschick den Weg zu einer historischen Klimaschutzvereinbarung geebnet hat.

Paris. Hunderte Männer und Frauen reißen jubelnd die Arme hoch. Menschen aus aller Welt fallen einander in die Arme. Einige haben feuchte Augen. Vorne auf dem Podium ruft jemand: "Es lebe der Planet!" Fast könnte man meinen, hier steigt ein Eine-Welt-Festival, bei dem Gras geraucht wurde. Doch diejenigen, die jubeln, sind stocknüchtern. Es sind Minister und Beamte aus 195 Nationen. Sie freuen sich, dass es nach 20 Jahren Verhandlungen gelungen ist, einen Klimavertrag zu vereinbaren. Der euphorische Mann mit Brille, der "Vive la planète!" ruft, ist der ansonsten eher glücklose französische Präsident François Hollande.

US-Präsident Barack Obama erklärt zwar nach Abschluss der Verhandlungen, es sei vor allem "amerikanischer Führung" zu verdanken, dass der Vertrag zustande gekommen ist, der nahezu alle Staaten zu Klimaschutz-Maßnahmen verpflichtet. Doch die Kompromissbereitschaft Chinas war genauso wichtig. Was zuletzt den Ausschlag gab, war auch die Bildung einer "Allianz für ein ehrgeiziges Klimaabkommen", der sich Industrienationen und Entwicklungsländer angeschlossen haben. Denn dieses Bündnis hat Schluss gemacht mit der Konfrontation zwischen Arm und Reich, an der mehrere Klimakonferenzen gescheitert waren.

Doch auch ohne das geschickte Taktieren des französischen Außenministers Laurent Fabius, der die Verhandlungen leitete, hätte es im letzten Moment noch schiefgehen können. Er ließ zwischen der Eröffnung der letzten Sitzung und dem Hammerschlag, der das Abkommen besiegelt, nur wenige Minuten vergehen. Die Gegner und Zweifler hatten so gar keine Zeit mehr, sich neue Störmanöver auszudenken.

Hendricks preist Fabius


"Das ist schon hohe diplomatische Schule, was Laurent Fabius uns hier gezeigt hat", sagt Bundesumweltministerin Barbara Hendricks. Auch die SPD-Politikerin ist sichtlich ergriffen. Vor dem Plenarsaal herzt sie ihre Mitarbeiter. Zum wiederholten Male lobt Hendricks das Geschick ihres "Freundes Tony de Brum". Der Außenminister der Marshallinseln, die bei einem Anstieg des Meeresspiegels versinken würden, hatte am Morgen Anstecker aus getrockneten Halmen verteilt. Sie sollten Glück bringen. Auch Hendricks und EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete trugen diese am Revers. Dann zogen die Vertreter der "Koalition der Ehrgeizigen" in den Saal. Auf ihrem Weg standen Klimaschützer und Delegierte Spalier. Sie beklatschten die Minister wie eine Fußballmannschaft auf dem Weg ins Stadion.

Es ist keiner Gruppe gelungen, alle Forderungen im Vertragstext unterzubringen. Die USA haben konkrete Verpflichtungen abgewehrt, eines Tages für Klimafolgen in anderen Ländern, die sie mitverursacht haben, zahlen zu müssen. Innerhalb der Europäischen Union (EU) kriselte es zwischenzeitlich. Denn die polnische Regierung wollte bei der Abkehr von fossilen Brennstoffen nicht so weit gehen wie der Rest der Union. Immerhin: Der Erfolg, der das Ziel einer auf 1,5 Grad begrenzten Erderwärmung erstmals in einem völkerrechtlich bindenden Vertrag verankert, macht Mut. Dies gilt erst recht in dieser Zeit neuer Spannungen zwischen Ost und West, in der die Weltgemeinschaft bei der Lösung so vieler Konflikte auf der Stelle tritt. "Ich hoffe, dass dies auch ein Signal sein kann für die Lösung aktueller Konflikte", sagt Beth Brunoro vom aus-tralischen Umweltministerium.

Für einige Teilnehmer ist ein Erfolg dieser Konferenz auch innenpolitisch bedeutsam. In Deutschland, den Niederlanden und anderen Industrienationen, in denen sich viele Menschen für Umwelt- und Naturschutz engagieren, werden Regierungen auch danach beurteilt, wie hart sie für den Klimaschutz kämpfen. Die Vertreter der arabischen Golfstaaten wollen ihrerseits mit der Botschaft nach Hause fliegen, dass die mit Öl- und Gas-Einnahmen finanzierten staatlichen Wohltaten weiter gesichert sind. Ihnen ist es gelungen, dafür zu sorgen, dass eine Abgabe auf fossile Energiequellen nicht in den völkerrechtlich bindenden Teil des Vertrags aufgenommen wurde.

Viel Lob für die Franzosen


Die französischen Gastgeber bekommen viel Lob für ihre "transparente Verhandlungsführung". Fabius schreitet bei der Abschlusssitzung unter donnerndem Applaus der Delegierten zum Podium. Die französische Regierung braucht den Erfolg womöglich noch dringender als jeder andere Teilnehmer. Denn Hollande und seine Regierung stehen unter Druck. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Rechtsextremen legen zu.

Was der neue Weltklimavertrag bedeutetDer Weltklimavertrag ist ein historischer Durchbruch - doch die Arbeit geht jetzt erst los. Wenn die Staaten ihr Ziel ernst nehmen, die Erderwärmung zu begrenzen, hat das erhebliche Folgen. Was würde der Klimaschutz langfristig bedeuten?

Ziel: Die Erderwärmung soll auf deutlich unter zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Die Vertragsstaaten sollten sich aber anstrengen, sie bei 1,5 Grad zu stoppen.

Weg zum Ziel: Die Staaten wollen den Netto-Ausstoß ihrer Treibhausgase in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts auf Null bringen: Sie dürfen dann nur noch so viele Treibhausgase ausstoßen, wie etwa mit Waldanpflanzungen aus der Atmosphäre gezogen wird. Für viele Forscher bedeutet dies, dass die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas im Fall des Zwei-Grad-Ziels zwischen 2050 und 2070 enden muss, denn Kohlendioxid ist sehr langlebig. Die Länder sollen ihre Ziele ab dem Jahr 2020 alle fünf Jahre nachbessern.

Geld für Klimaschutz und Anpassung: Von 2020 bis 2025 sollen die Industriestaaten jährlich 100 Milliarden Dollar (91 Milliarden Euro) für Entwicklungsländer bereitstellen. Für die Jahre danach soll es ein neues, höheres Ziel geben. Andere Länder "werden darin bestärkt", sich "freiwillig" an der Finanzierung zu beteiligen.

Verluste und Schäden: Die Vertragsstaaten erkennen die Notwendigkeit an, ärmeren Staaten bei Verlusten und Schäden durch den Klimawandel zu helfen. Für arme Länder soll ein Versicherungssystem gegen Schäden aufgebaut werden.

Verbindlichkeit: Entscheidende Teile der Klimaschutz-Vereinbarung sind völkerrechtlich verbindlich. Es gibt jedoch keine Strafen bei Nichterfüllung der Zusagen.

Investoren: Großanleger wie Pensionsfonds oder Versicherungen denken zunehmend darüber nach, ob sich Investitionen in Öl, Kohle und Gas noch rentieren. Nun, da die Staaten Ernst machen mit dem Klimaschutz, dürfte sich dieser Trend verstärken. Zugleich könnte das Abkommen Investitionen in erneuerbare Energien Schwung geben.

Deutschland: Als Industrieland soll Deutschland beim Klimaschutz vorangehen. Gerade nach dem Auftreten der Bundesregierung in den Verhandlungen fordern Opposition und Umweltschützer, dass Berlin die Energiewende forciert und den Ausstieg aus der Kohle-Stromproduktion einleitet. Um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, müsse mehr als die Hälfte der Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, so die Denkfabrik Agora Energiewende.

Golfstaaten: Für die Ölproduzenten ist der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen ein Einschnitt, der ihr Wirtschaftsmodell infrage stellt. Die Wüstenstaaten müssen versuchen, sich rechtzeitig neue Einkommensquellen zu schaffen.

Pazifik-Inseln: Für die kleinen Inselstaaten ist das 1,5-Grad-Ziel ein Hoffnungsschimmer. Sie konnten die Konferenz nutzen, um ihre Angst vor dem Untergang deutlich zu machen. Doch die Gefahr ist nicht gebannt, die 1,5 Grad sind schwer zu schaffen - die Inseln müssen sich auch auf die Folgen des Klimawandels vorbereiten.

Indien: Als Entwicklungsland darf Indien sich zwar noch Zeit lassen, bis es seine Emissionen drosselt. Trotzdem wird Klimaschutz eine gewaltige Aufgabe. Denn gleichzeitig muss Indien seine Wirtschaft ausbauen - ein Fünftel der Inder lebt in Armut, 300 Millionen haben keinen Strom. Allerdings kann das Land auf Unterstützung aus den Industriestaaten setzen, um etwa Energiehunger aus sauberen Quellen zu stillen. (dpa)
Ungeachtet der Tatsache, dass noch viel Arbeit vor uns liegt, ist dies ein Zeichen der Hoffnung, dass es uns gelingt, die Lebensbedingungen von Milliarden Menschen auch in Zukunft zu sichernAngela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.