Der Polittalk von P(remiere) bis K(rise)
Anne Wills Rückkehr

Ab Sonntag wieder auf dem Spitzenplatz der deutschen Talkshows: Anne will. Bild: dpa

Sie bekommt den Spitzenplatz zurück: Anne Will lässt ihre Gäste künftig wieder sonntags debattieren. Vorab eine Übersicht zum Polittalk im deutschen Fernsehen - von P(remiere) bis K(rise).

Berlin. Anne Will kehrt zurück. Die Politikjournalistin talkt an diesem Sonntag nach mehr als vier Jahren erstmals wieder auf dem ARD-Spitzenplatz nach dem «Tatort». Warum die 49-Jährige von dem Kultkrimi profitieren wird, was Polittalks nutzen und wie lange sich das Format noch halten kann - eine Übersicht zum POLITTALK.

P - PREMIERE:
Nun gut, für Anne Will ist die Sonntagssendung (21.45 Uhr) nur eine halbe Premiere. Sie hatte den prominenten Sendeplatz bereits von 2007 bis 2011 inne, dann löste Günther Jauch sie ab. Der punktete beim Publikum vor allem mit seinem Charisma, Will schreiben Beobachter größeres journalistisches Können zu. Als sich Jauch Ende November aus dem Ersten zurückzog, warb er um Vertrauen für seine Nachfolgerin. Sie habe es «wirklich verdient».

O - ÖFFENTLICHKEIT: Wer schaltet die Runden ein? «Der Altersdurchschnitt bei den politischen Talkshows liegt weit über 60», sagt Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe von der Freien Universität Berlin. Die öffentlich-rechtlichen Programme hätten ohnehin durchschnittlich ältere Zuschauer, es interessierten sich auch eher Menschen für Politik, die bereits eine gewisse Bildung erreicht hätten. Auch das hänge oft mit dem Alter zusammen.

L - LEUTE: Menschen interessieren sich für Menschen. "Leute gucken anderen gerne beim Reden zu", erklärt Trebbe. Der Polittalk lebe vor allem vom Streit, es gehe seltener um die Präsentation neuer Fakten. Man sehe einfach gerne Herrn Schäuble und Herrn Gabriel aufeinander losgehen. Die Gäste tragen also entscheidend dazu bei, ob es klappt.

I - IMMER DIE GLEICHEN: Oft tauchen in den Sendungen aber ähnliche Personen auf. Ganz vorne dabei: Wolfgang Bosbach von der CDU. Nach Statistiken des Projekts Meinungsmaschine sitzt er besonders oft auf den Sesseln der Polittalker. Datenjournalisten erfassen in dem Projekt die Gäste und Themen der Talker Anne Will, Maybrit Illner (ZDF), Frank Plasberg ("Hart aber Fair") und bislang von Jauch.

T - "TATORT": Der Krimiklassiker beschert auch dem Talk am Sonntag gute Quoten. Ein Teil des Publikums, das eben noch über die Lösung eines Mordfalls rätselte, bleibt im Ersten hängen - wenn der Abspann läuft und der Teaser auf die Talkshow gut genug ist. "«Das ist der perfekte Sendeplatz", sagt Forscher Trebbe. Den Bonus werde auch Will wieder einheimsen. Der Effekt schwinde aber: "Wenn die Sendung langweilig oder schlecht ist, dann gehen die Leute ins Bett."

T - TEMPERAMENT: Manche Gäste sind nicht einfach zu handhaben. Das musste zum Beispiel Moderator Jauch erleben, als ein Gast im April spontan zu einer Schweigeminute für Flüchtlinge aufrief. Jauch stand eher hilflos da. Kritik gab es auch, als AfD-Politiker Björn Höcke seine Deutschlandfahne auspackte. Ob Anne Will, die ihre Sendung in Berlin-Adlershof dreht, damit besser klarkommt?

A - ABGESANG: Polittalks sind am Ende! Das hört man immer wieder. Tatsächlich hat die ARD die Zahl ihrer Spättalks reduziert, mittlerweile sind es noch drei. Nach Angaben von Trebbe sind die Quoten in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Irgendwann überlebe sich jedes Format im TV, schätzt er. Vor allem Will kann aber mit ihrem Sendeplatz gute Zahlen erwarten. Jauch hatte bei seiner letzten Sendung etwa 4,6 Millionen Zuschauer (Marktanteil von 16,2 Prozent).

L - LÜGENPRESSE: Fernsehmacher stehen vor der Entscheidung, ob sie radikale Gäste einladen. Was der richtige Weg ist, will Forscher Trebbe nicht entscheiden. Aus seiner heutigen Sicht sei es aber erfolgversprechender, die Diskussion mit schwierigen Gästen in den Medien zu führen. Teilöffentlichkeiten suchten sich sonst im Internet neue Foren, weil sie sich von den Massenmedien nicht repräsentiert fühlten. Das könne zu einer Spaltung der Gesellschaft führen.

K - KRISE: Griechenland, Flüchtlinge, Terror - Krisen sind häufig Thema. Die Zuschauerzahlen gingen dann durch die Decke, die Leute seien dran an aktuellen Themen, sagt Trebbe. Auch Linda Rath-Wiggins vom Projekt Meinungsmaschine erklärt, Themen wiederholten sich oft. Angesichts von Großlagen sei das nicht überraschend. Trebbe sagt, gerade bei großen gesellschaftlichen Debatten seien Talkrunden sinnvoll, weil sie Stimmungslagen aufgreifen würden und so Wertedebatten geführt werden könnten.
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