Deutsche Luftwaffe vor Zusatzbelastung bei Nato-Einsatz im Baltikum - Reaktion auf Ukraine-Krise
Fliegerdress statt Schlafanzug

Eurofighter der Bundeswehr werden ab September am Baltikum wesentlich öfter in die Luft gehen als bisher. Archivbild: dpa
Der bevorstehende Einsatz der deutschen Luftwaffe im Baltikum droht für die Soldaten erheblich anstrengender zu werden als der im Vorjahr. Weil von September an neben der Bundeswehr nur noch Ungarn Kampfjets für die verstärkte Nato-Luftraumüberwachung zur Verfügung stellt, werden die deutschen Flugzeuge vermutlich bis zu ihrer Ablösung im Januar vier Monate lang in Dauerbereitschaft sein.

Bislang folgte auf eine Woche bewaffneter Luftraumüberwachung ("Hot Week") stets eine Woche ohne Bereitschaft, in der nur Trainingsflüge anstanden ("Cold Week"). Der Wegfall der Übungswochen bedeutet, dass die Zahl der sogenannten Alarmstarts deutscher Eurofighter deutlich steigen dürfte. Mit ihnen reagieren die Nato-Staaten auf russische Flugmanöver im internationalen europäischen Luftraum. Innerhalb von 15 Minuten müssen die Jets im Alarmfall in der Luft sein, um die russischen Flugzeuge zu überwachen. Deswegen schlafen die Piloten vom Dienst nach Bundeswehrangaben sogar im Fliegerdress in unmittelbarer Nähe zu den Maschinen.

Manöver massiv erhöht

Die Zahl der Nato-Abfangmanöver in Europa hat sich mit der Ukrainekrise und den neuen Spannungen mit Russland massiv erhöht. Im vergangenen Jahr gab es in Europa insgesamt 442 in Reaktion auf russische Flugbewegungen, in diesem Jahr waren es nach Bündnisangaben bereits mehr als 240. Die meisten Einsätze wurden von den Luftwaffenstützpunkten Siauliai (Litauen) und Ämari (Estland) aus geflogen. Die Ex-Sowjetrepubliken Estland, Lettland und Litauen fühlen sich von der Politik Russlands besonders bedroht. Auf ihren Wunsch hin hatte die Nato im Frühjahr entschieden, die Luftraumüberwachung im Baltikum zu verstärken. Seitdem waren dort ständig 16 Kampfjets stationiert, die im viermonatigen Wechsel von je vier Bündnispartnern gestellt wurden. Am Dienstag bestätigte die Nato allerdings, dass von September bis Ende Dezember nur Ungarn und Deutschland je vier Flieger stellen werden.

In der Diskussion um die Halbierung der Kampfjet-Zahl für die Luftraumüberwachung wollte das Bundesverteidigungsministerium am Mittwoch die Bündnispartner nicht kritisieren. Die Nato betonte erneut, dass die Reduktion des Engagements von Mitgliedstaaten vorerst nicht die Fortsetzung des Einsatzes gefährde. "Die Militärstellen sind der Ansicht, dass acht Flugzeuge zur Sicherung des baltischen Luftraumes derzeit ausreichen", sagte die Sprecherin Carmen Romero. Derzeit seien nur deshalb 16 Flugzeuge im Einsatz, weil sich so viele Länder an den Abschreckungsmaßnahmen hätten beteiligen wollen.

"Falsches Signal"

In Bündniskreisen wurde hinter vorgehaltener Hand dennoch Kritik geäußert. Die Halbierung der Kapazitäten könnte angesichts des noch immer nicht gelösten Ukrainekonflikts ein "falsches politisches Signal an Moskau" senden, hieß es. Die Nato werde im östlichen Luftraum von September an deutlich weniger präsent sein - und das nur, weil einige Länder sparen wollten.
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