Deutsche Völkerwanderung

Bremen ist auf dem absteigenden Ast. Frankfurt wächst. Nicht nur Dörfer im Osten, auch mehrere Städte im Ruhrgebiet kämpfen gegen die Abwanderung der Jungen und Qualifizierten. Immerhin: Das höchste Einwohnerwachstum verzeichnet eine Gemeinde in Bayern.

Viele Berliner halten ihre Stadt für den Nabel Deutschlands - doch bei Bevölkerungswachstum, Beschäftigung und Steuereinnahmen stehen München und einige Rhein-Main-Städte deutlich besser da. Das geht aus einer am Donnerstag veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zu wachsenden und schrumpfenden Kommunen hervor. Berlin und Hamburg sind demnach zwar "wachsende Städte". Sie gehören aber im Gegensatz zu München, Hannover, Stuttgart, Frankfurt am Main, Köln, Bonn und Koblenz nicht der Kategorie der "stark wachsenden Städte" an.

Deutlich schlechter sieht es den Angaben zufolge in Bremen aus: Zwar wuchs dort im untersuchten Zeitraum zwischen 2008 und 2013 die Bevölkerung noch minimal. Da die Studie aber sechs verschiedene Indikatoren berücksichtigt und diese für Bremen - etwa bei den Gewerbesteuereinnahmen - in der Gesamtschau einen Negativtrend ausweisen, gilt die Hansestadt als "schrumpfende Stadt". Auch viele Städte im Ruhrgebiet schrumpfen.

Nicht nur Osten schrumpft

Zu den Städten, wo auch der sogenannte Speckgürtel noch wächst, zählt die Studie München, Hamburg, Berlin, Stuttgart, Hannover, Frankfurt am Main und Freiburg. Anders sei die Entwicklung dagegen im Rheinland sowie rund um die stark wachsenden Städte Dresden und Leipzig, sagte die Autorin der Studie, Antonia Milbert. Hier hätten die Kommunen im Umland zuletzt kaum von der Sogwirkung der Stadt profitieren können. Das prozentual höchste Wachstum bei den Einwohnerzahlen hatte in dem untersuchten Zeitraum die Gemeinde Unterföhring bei München - mit einem Plus von 19,9 Prozent.

Kleine Kommunen, die fernab der großen Städte liegen, schrumpfen dagegen besonders stark - und zwar nicht nur im Osten. Den bundesweit größten Einwohnerschwund (12,8 Prozent) hatte der Bezirk Osterheide am Südrand der Lüneburger Heide zu verzeichnen. Von dieser Entwicklung abkoppeln konnten sich laut Milbert nur einige Urlaubsorte, vor allem an der Küste.

Regelrechte Rentnerkolonien wie in Florida gibt es hierzulande zwar noch nicht, und junge Menschen sind in Deutschland auch immer noch wesentlich mobiler als die Älteren. "Wir beobachten aber in den vergangenen Jahren eine leichte Steigerung bei der Zahl älterer Menschen, die sich nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsleben für einen neuen Wohnort entscheiden", erklärte Milbert. Dass die Senioren nicht mehr so fest an der Scholle klebten wie einst, habe eben auch damit zu tun, dass die erwachsenen Kinder oftmals schon weggezogen seien. Damit falle ein Grund weg, am angestammten Wohnort zu bleiben.

Der Bundesverband deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) fordert am Donnerstag in einer Reaktion auf die Studie mehr Unterstützung beim "Umbau Deutschlands". "Diejenigen, die abreißen wollen und in zukunftsfähige Städte investieren möchten, brauchen die Unterstützung von Bund und Ländern", sagt GdW-Chef Axel Gedaschko. Auch der Deutsche Städtetag plädiert da, wo eine "Auslastung der Infrastruktur" nicht mehr realistisch erscheint, für einen "geordneten Rückbau".

Abriss als Chance

Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR wird das schon lange praktiziert. Das Bund-Länder Programm "Stadtumbau Ost" verbindet den Abriss mit dem Erhalt schützenswerter Altbauten und Maßnahmen zur "Aufwertung der von Schrumpfungsprozessen betroffenen Städte". Meist trifft die Abrissbirne Plattenbauten, die auch im bewohnten Zustand von vielen Menschen als ästhetische Zumutung empfunden werden.

Plattenbausiedlungen gibt es im Westen zwar nicht. Doch auch hier wird der Leerstand in einigen Gebieten nach Schätzung der Experten in den nächsten Jahren zunehmen, weshalb der Abriss einzelner Gebäude ihrer Ansicht nach auch dort angezeigt wäre. Als Beispiele nennt der GdW auch die oberfränkischen Kommunen Hof und Wunsiedel.
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