Die gefährliche "Dschihad-Romantik

Früher posierte der damalige Rapper "Deso Dogg", mit bürgerlichem Namen Denis Cuspert, mit dickem Auto für den Fotografen. Heute soll der Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers zum inneren Führungszirkel der Terrormiliz IS gehören. Archivbild: dpa

Die Zahl radikalislamistischer Salafisten in Deutschland wächst stark - auf bis zu 7000 bis Ende des Jahres, schätzt der Verfassungsschutz. Vor allem 18- bis 30-Jährige werden angezogen, der Dschihad wird als cool verkauft. Die Gewerkschaft der Polizei fordert mehr Überwachung.

Die Welt kann so einfach sein. "Salafisten sagen, was schwarz und was weiß ist", konstatiert Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen. Und sie sagen, wer salafistisch denke und lebe, sei Avantgarde. Junge Menschen, die gescheitert und orientierungslos seien, hätten den Eindruck, "vom Underdog zum Topdog" zu werden.

Zum Synonym dafür wurde der Berliner Denis Cuspert alias "Deso Dogg", der zum Führungszirkel der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehören soll - und in Rap-Videos den Heiligen Krieg als großen Spaß preist. Der Sohn einer Deutschen und eines Ghanaers ist militanter Salafist, seine tausendfach angeklickten Internetauftritte bergen ein großes Mobilisierungspotential für die Zielgruppe der 18- bis 30-Jährigen.

Bis zu 7000 Anhänger

Maaßen hat am Wochenende in einem Interview die Zahlen der radikalislamischen Salafistenszene nach oben korrigiert, auch weil man nun im Zuge der verstärkten Ausreise nach Syrien und in den Irak noch genauer hinschaue. Statt 2800 Anhängern vor einigen Jahren seien es nun 6300, bis Ende des Jahres vielleicht sogar 7000 Salafisten.

Der Anschlag eines 32-Jährigen im kanadischen Ottawa hat die Sorgen weiter verstärkt. Der Vorbestrafte wollte nach Syrien ausreisen und verhandelte mit den Behörden wochenlang über seinen Reisepass - bevor er dann daheim zuschlug. Ein Szenario etwa auch für Deutschland?

Jahrelang ließ man gewaltbereite Islamisten lieber ausreisen. Grundgedanke sei der "Schutz unserer Bevölkerung" gewesen, sagte Anfang Oktober der Leiter der Abteilung Terrorismusbekämpfung des LKA Bayern, Ludwig Schierghofer. Kürzlich verständigten sich aber die Innenminister von Bund und Ländern darauf, durch den Entzug des Personalausweises gewaltbereite Islamisten daran zu hindern, in Kampfgebiete auszureisen. Verdächtige sollen eine Art Ersatzausweis bekommen, mit dem sie Deutschland aber nicht verlassen dürfen.

"Hohe Dunkelziffer"

Die Anschlagsgefahr hierzulande bleibt abstrakt. "Man kann nicht hinter die Stirn der Menschen schauen und nicht in jede Wohnung hineinspazieren", so Maaßen. Oft reichten die Beweise nicht aus für Ermittlungsverfahren, daher seien die Nachrichtendienste verstärkt gefragt. Mindestens 450 Personen sind bereits aus Deutschland in die Kampfregion Syrien und Irak gezogen, wo der IS Angst und Schrecken verbreitet. "Aber die Dunkelziffer ist recht groß", so Maaßen. Sieben bis zehn davon hätten bereits Selbstmordanschläge verübt.

Maaßen räumt ein Personalproblem zur flächendeckenden Kontrolle ein: Die große Zahl der Personen sei eine Belastung für die vorhandenen Kapazitäten. Viele Ausgereiste sind zudem bis zum Auftauchen im Kampfgebiet ein unbeschriebenes Blatt in Deutschland gewesen.

Rund 150 Islamisten sind laut Maaßen bisher aus Syrien und dem Irak wieder zurückgekehrt. 25 seien in Kampfhandlungen verwickelt gewesen. Das Problem: Die Leute können überprüft und überwacht werden - aber eine Sicherheitsgarantie gibt es nicht. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert eine strengere Überprüfung von Moscheevereinen und Islamverbänden. "Die wachsende Zahl vor allem junger Muslime, die sich vom Salafismus und vom IS in ihren Bann ziehen lassen, zeigt, dass die islamischen Institutionen in Deutschland offensichtlich versagt haben", meint der GdP-Vorsitzende Oliver Malchow.

Dem Mann dienen

Das größte Problem scheint der starke Einfluss durch eine geschickte Internet-Propaganda und Faceboook- oder Twitter-Kontakte auf junge Menschen zu sein - auch auf Frauen. Österreich war schockiert, als zu Ostern bekannt wurde, dass sich die bosnisch-stämmigen Sabina S. (15) und Samra K. (17) nach Syrien aufgemacht haben. Angelockt von einer romantischen Dschihad-Vorstellung, beide werden von Interpol gesucht. Anders als bei den Konflikten in Afghanistan und Pakistan fühlten sich verstärkt auch junge Frauen angezogen, erläutert Maaßen. "Oftmals, so unsere Wahrnehmung, haben diese Frauen ein romantisches Bild einer Dschihad-Ehe vor Augen: Einen jungen Mudschaheddin, der stark ist, der sich für die richtige Sache einsetzt, zu unterstützen, ihm hilfreich und dienlich zu sein, sogar als Zweit- oder Drittfrau." Bei Männern werde der Dschihad als Jugendkultur, als Abenteuer instrumentalisiert. "Dass es cool ist, dorthin zu gehen."

Maaßen nennt vier M's, die typisch seien für Rekrutierte. "Männlich, muslimischer Hintergrund, Migrationshintergrund und Misserfolge in der Pubertät, in der Schule oder in der sozialen Gruppe."
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